Im Visier 2250

Zugrunde liegender Roman: Robert Feldhoff - Zeuge der Zeit

Plot | Teil 2 | Rezension

Vorbemerkungen und Plot

Vorbemerkung: Aehnlichkeiten mit tatsaechlich lebenden oder geruechteweise
existierenden realen Personen und Avataren sind zwar nicht rein zufaellig,
entstammen aber einem Seitenausgang von Dorifers Tor. Worte und Taten
auftretender Personen entsprechen nur in zufaelligen und ungewollten
Ausnahmen ihrem Charakter und ihrem Werdegang, sind ansonsten aber rein
plotdriven und willkuerlich vom Schreiber dieser Zeilen erfunden und
erlogen.


Plot:


Zephyda, vor wenigen Monaten noch Wildschweinjaegerin auf Baikhal Cain, hat
den verhassten Kybb-Cranar den Krieg erklaert und nach Anfangserfolgen eine
erste Niederlage erlitten. Das ist ein guter Zeitpunkt, um die Planetaren
Motana-Majestaeten aus hunderten Waldgrundstuecken Jamondis zu einer
grossen Teezeremonie mit einer Runde Cluedo einzufliegen und sich
anschliessend zur Stellaren Majestaet mit der Lizenz zum Kriegfuehren
waehlen zu lassen.


===

Eine tapfere Schar (mehr oder weniger) Rebellen versammelt sich, um den
Aufstand gegen das boese Imperium, das den Voelkern seit Jahr und Tag
seinen perfiden Willen aufzwingt, zu wagen.

Robert Feldhoff, allseits bekannt fuer sein Bemuehen, wichtige
Gegenwartsbezuege in seine Geschichten einzubauen, hat eine aufhorchend
machende Allegorie verfasst. Wir wollen aber hoffen, dass Klaus Frick nie
dahinterkommt, _welcher_ Art diese Allegorie tatsaechlich ist.

--

"Ich war nicht immer der trotzkoepfige Noergler. Ich war
nicht immer Grossnoergler und Scheltesprecher, ein Regular
und Newsgruppen-Unhold oder gar unerbittlich.
Meine Geschichte beginnt als Leser, in der alten SOL auf
dem Weg nach Hause, als ich mit meinen Augen die bunten Hefte
am Kioskstand entdeckte. Man erklaerte mich zum Schundleser
und Hochverraeter an Goethe und Schiller.
Mein Name ist R.T. Ich bin ein Zeuge der Serie."

--

Das finstere Regime der kybernetisch mit Laptops ausgeruesteten Epigonen
der frueheren Ritter der Feder, damals noch angefuehrt von den erlauchten
und von der Redaktionssuperintelligenz Schelwokat persoenlich auserwaehlten
Manuskriptherren Scheer und Darlton, unterstuetzt durch die Schildschreiber
Voltz, Mahr und Ewers, hat seit fast schon ewigen Zeiten die friedlichen
Leservoelker unterdrueckt und in kleine und kleinste harmlose Refugien in
Leserzirkeln, Foren und technisch rueckstaendigen Usenetgruppen verbannt.
Das Leben solcher Leser zaehlt nicht mehr viel, billiger Nachwuchs fuer
Frondienste ist leicht zu finden, hymnische Rezensionen laufender Hefte
werden in den LKS-Minen von Rastatt gefangenen Lesern abgepresst. Die
glorreiche und grenzenlose Vergangenheit ist in Vergessenheit geraten. Das
"Fandom" ist im Euroteich von VPM isoliert, die Kontakte in die grosse
weite Welt sind abgerissen und den zum Grossteil analphabetisierten Lesern
gar nicht mehr bekannt. Der ewige Verraeter Redak Klausani hat sich an
einen unbekannten Ort, geschuetzt durch die Ausweispflicht zurueckgezogen.
Doch als die PISA-Impedanz zuschlaegt und die versprengten und
unterdrueckten Altleser alleine des Lesens maechtig uebrigbleiben, wagen
sie den Aufstand.

--

"Wer schreibet so spaet in Nacht und Wind?
Es ist der Autor mit seinem Stift;
Er hat den Leser wohl in dem Arm,
er fasst ihn sicher, er haelt ihn warm. "

(Gesaenge der Leser)


"Ich gehoerte zu den ersten Lesern, die vom Zwiebelschalenmodell
gelesen haben. Wir kaempften damals gegen TFKs der Kalten Krieger.
Und siegten ueber die Schlachtenfans von vorgestern. Voltz
sprach zu uns vom Frieden zwischen den Sternen. Und doch konnte
Frieden damals nicht die Loesung sein.
Mein Name ist R.T. Ich bin ein Zeuge der Serie."

--

Nach und nach trudeln die Leser ein, getragen von den superschnellen
Baudraten der psionischen Breitbandverbindungen. Auch wenn so manches
Orkewetter auf die Server niedergeht, die Gefahr alleine schreckt niemanden
ab. Allein die Wahl des Versammlungsortes faellt schwer, zu klein und
beschraenkt sind die meisten Foren, vollgeraeumt mit bunten Avataren und
ellenlangen Signaturen. In der Festung NG waere ja Platz, aber dort
herrschen recht unwirsche, wenig schoengeistige Maenner, grobschlaechtige
Todnoergler mit seltsamen Ritualen.

--

"Mein Leser, was birgst du so bang dein Gesicht?-
Siehst Autor, du die Vision denn nicht?
Die Schoene, Grosse mit Kron und Schweif?-
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."

"Du lieber Leser, komm, geh mit mir!
Gar schoene Spiele spiel ich mit dir ;
Manch bunte Schurken sind an dem Strand,
Mein Expokrat hat viel guelden Verstand."

(Gesaenge der Leser)


"Einst litt ich mit den Bett-schiden, backte kleine Broetchen,
blickte durch das Auge Laires und sah nur meine eigene
Nasenspitze. Keine Langeweile ueberdauert die Ewigkeit; und
so endete auch die Herrschaft der Provinzler. Ich versuche,
meine Hefte puenktlich zu lesen. Wenn aber ein Expokrat es
vorzieht, einen verschlungenen Pfad zu setzen, muss ich
ihn dennoch achten. Denn ich bleibe ein Leser, gleich wohin
ich gehe.
Mein Name ist R.T. Ich bin ein Zeuge der Serie."

Nach einer vorangehenden Netiquette-Zeremonie kommt es zur grossen
Versammlung. Strari aus Vien-Na, der die Untaten des kybernetischen Regimes
als plot-getriebene Notwendigkeiten zu entschuldigen bereit ist, Rotand aus
dem noerdlichen Hamal-Burgam, der die fast hoffnungslose Situation mit
einem Rollenspiel vergleicht, Renhau, der laengst nicht mehr auf die
Worte der Kybb-Autoren hoert, sich aber immer noch unterdrueckt fuehlt,
Heitow, der jede Missetat der Kybb-Autoren auf Tag, Sekunde und Buchstabe
genau bis in die finsterste Vorzeit benennen kann, Koechri, der keinem
Kybb-Autoren ueber den Weg traut, der mit am Ruecken gekreuzten Fingern ein
blaues Happy-End verkuendet, Vandirk, der in der Runde eigentlich gar
nichts zu sagen hat, den es aber aus einem Paralleluniversum immer wieder
mal fuer wenige Augenblicke in die Runde verschlaegt, Kelshon, der jeden
Neuankoemmling im Sinne einer schnellen und problemlosen Einschulung auf
die Hausordnung und Abstimmungsregeln hinweist, und viele andere, die
alle aufzuzaehlen den Rahmen dieses Absatzes sprengen wuerde. Zum
Protokollfuehrer macht sich ungefragt und unaufgefordert ein Noergler von
sorglosem Naturell, dessen Kompetenz sich vor allem durch das Fehlen
jedweder grammatikalischer Feinheiten und jedweder Spellchecker grobe
Bloessen gab.

"Als erstes brauchen wir einen neutralen Koordinator, jemanden, der kein
Eigeninteresse an allfaelligen Abstimmungsergebnissen hat, jemand, der
ueber den Dingen steht, der uns nicht in einen eigennuetzigen Aufstand
gegen die Kybb-Autoren hetzen will, und ich bestimme, ohne euch erst gross
zu fragen, unseren lieben Gast Wolfi Hohlstein. Er ist selber Herr ueber
ein grosses Imperium, viel maechtiger als die Kybb-Autoren, und wenn er
auch zufaellig mit uns dabei war, die Nachschublieferungen der
Kybb-Autoren zu sabotieren, ihre Festplatten zu loeschen und sie aus
unserem Sternentuempel zu vertreiben, dann geschieht das nicht im Kampf um
Marktanteile sondern aus rein gutmenschlichen Ueberlegungen."

"Und, Kinder, ihr werdet es nicht glauben, wir haben sogar eine
Grussbotschaft von der grossen Grauen Eminenz bekommen!"

"Von Marcel hoechstpersoenlich, dem Schoepfer des grossen alles
literarische Unleben vernichtenden Kanons?"

"Derselbe. Direkt aus seinem Grauen Refugium."

"DIE AERA DER BELLETRISTIKWENDE HAT BEGONNEN. IM OZEAN DER LITERATUR KANN
LICHT SEIN ODER DUNKELHEIT. DIE AM TIEFSTEN GEFALLENEN POETEN SOLLEN SICH
AM HOECHSTEN ERHEBEN. DIE LESER SOLLEN SICH EINE DICHTENDE MAJESTAET
ERWAEHLEN, DIE SIE IN DEN KAMPF GEGEN DAS GROSCHENHEFT-REGIME FUEHRT."

"PS. Aber waehlt mir auf keinen Fall den Grass, und schon gar nicht den
Handke. Die sind bei mir unten durch. Vielleicht koennt ihr ja Musil
exhumieren und klonen?"

"PPS. Und schickt mir auf keinen Fall die Loeffler vorbei."

--

"Mein Autor, mein Autor, und hoerest du nicht,
Was RTLplus mir leise verspricht ?-
Sei ruhig, lies weiter, mein Kind !
In Telenovellas saeuselt nur Wind."

(Gesaenge der Leser)


"Ich gehoerte zu den wenigen Ueberlebenden des Grauen
Korridors, durchlitt den Vishna-Schnupfen und stand am Berg
der Verzweiflung. Die Antwort auf alle Fragen aus allen
gegegenwaertigen, vergangenen und zukuenftigen Exposes lag
ausgebreitet vor mir, ich haette bloss zupacken muessen.
Die Loesung aller Zeitschleifen und ellmerscher Paradoxa,
so verlockend, so suess, so nah. Doch ich wusste, dass
solch ein Wissen nicht in die Hand eines einfachen Lesers
gehoert, dass ein einzelner Geist nicht faehig ist, es
aufzunehmen. Und ich drehte mich um und las weiter.
Mein Name ist R.T. Ich bin ein Zeuge der Serie."

--

Die DICHTENDE MAJESTAET! Mit vielen Computern sucht man tage- und
naechtelang nach einem, der sie in sich traegt. Aus einem Hinterhof
soll sie kommen, in vielen Zungen sprechen koennen, der besseren
Verkaufbarkeit am Titelbild wegen eine schwertschwingende Amazone sein.

"Elfriede Jelinek! Die war schon immer ein blaues Tuch fuer viele. Die
schafft auch die Kybb-Autoren. Und ihr Freund, der Peymann, weisshaarig
ist er auch schon, hat viel Erfahrung als Buergerschreck, und sogar einen
Extrasinn, der manchmal das Reden uebernimmt."

"Aber kann sie auch singen? Und ein Raumschiff bedienen?"

"Ich bin fuer Lilo Wanders?"

"Schneewittchen!"

"Anke Engelke, schliesslich ist es fuer unseren Feldzug laengst fuenf
Minuten vor zwoelf."

"Angela Merkel. Sie koennte den Kybb-Autoren mit Hartz V drohen."

Wie sagt ein altes Sprichwort doch: Leser muessen viele Megabyte
Bandrauschen gemeinsam verschwenden, um zu Freunden zu werden.

--

"Willst, feiner Leser, du mit mir gehn ?
Meine Woerter sollen dich laben schoen ;
Meine Woerter fuehren den expokratischen Reim
Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

"Mein Autor, mein Autor, und siehst du nicht dort
Rick Bermans Schergen am flimmernden Ort ?-
Mein Leser, mein Leser, ich seh es genau :
Es scheinen die alten Klischees so grau.-

(Gesaenge der Leser)


"Ich war dabei an vorderster Front der Klonelefantenkriege.
Zu Dutzenden stuermten wir auf das Bollwerk in Rastatt ein, das
Gemetzel war schrecklich. Und als der Sieg schon nahe war,
wir glaubten, bloss die Arme ausstrecken zu muessen, entliess
der autorgewordene Chaotarch Anton den Norminator aus den
Tiefen der Hoelle, metzelte Expokrat Feldhoff die letzte,
groesste Hoffnung der Leser, THOREGON, dahin, und erklaerte
die unveraenderliche Zeitschleife zum Dogma, um auf Aeonen
die Herrschaft der federschwingenden Kybb-Autoren ueber die
Leser einzuzementieren.
Mein Name ist R.T. Ich bin ein Zeuge der Serie."

--

Der Tee ist ausgetrunken, der letzte Keks verdrueckt, ein Komplott von
Rosamunde Pilcher Fans im letzten Moment aufgedeckt. Nach einem
Zwischenspiel ueber das seltsame Verhalten sprechender Seekuehe angesichts
archaiischer Adoptionsregeln bezueglich elternloser Schildkroeten wird
es endlich Zeit fuer die finale Abstimmung. Schliesslich naehert sich
auch bereits das monatliche Downloadvolumen seinem unerbittlichen Limit.

"Bevor es zur Abstimmung kommt, muessen wir uns ueber die Regeln einig
werden."

"Die Stimmen von Altlesern sollten doppelt gezaehlt werden."

"Nein, den Alzheimerjunkies sollte das Stimmrecht entzogen werden, die
Zukunft gehoert den Neulesern."

"Binaer-, Oktal-, Dezimal- oder Hexadezimalsystem?"

"Ich bin fuer ein Unaersystem, damit das Ergebnis auch von Kybb-Autoren
verstanden wird, die nicht Castor heissen."

"Soll Angela Merkel uns als Dichtende Majestaet in den Kampf gegen die
Kybb-Autoren fuehren? Wer dafuer ist, steht auf, wer dagegen ist, bleibt
sitzen!"

"Also _so_ geht das nicht. Wer uebernimmt die Zaehlung? Wie verhindern
wir, dass er ein paar Koepfe falsch zaehlt? Ist ein grosser Leser
sitzengeblieben, oder ein kleiner Leser aufgestanden?"

"Okay, wir machen es mit 'Haendeheben'".

"Unsicher, auch da fehlt ein Kontrollmechanismus."

"Na gut, wir zaehlen nicht die Haende, sondern die _Finger_ an den
Haenden."

"Um Himmels willen, wozu soll das denn gut sein?"

"Vertrau mir, ich bin Informatiker. Da haben wir ein Parity-Bit zur
Kontrolle."

"...?"

"Wenn alle Finger gezaehlt sind, und das Ergebnis nicht durch zehn teilbar
ist, wissen wir, dass wir uns verzaehlt haben und wiederholen die
Zaehlung."

"Genial. Ich sag's ja immer, wenn nur die Informatiker mehr zu sagen
haetten..."

"Und bei einem doppelten Zaehlfehler?"

"Wenn ein Scherzkeks nur eine Hand hebt?"

"Vielleicht hat einer von uns ja auch sechs Finger?"

"Wie waere es mit der Oktoberfestmethode?"

"...?"

"Wir stellen zwei grooosse Bierfaesser auf. Die 'Ja'-Stimmen zapfen das
eine Fass an, die 'Nein'-Stimmen das andere. Eines der Faesser wird zuerst
leer sein. Da muessen wir nicht einmal zaehlen, um zu einem Ergebnis zu
kommen."


Ja, so sind sie, die Leser, nie um eine Ausrede verlegen, wenn es darum
geht, aus serioesen, serienerschuetternden Anlaessen ein Saufgelage
entstehen zu lassen.

--

"Es lockt mich, mich reizt sein so simpler Inhalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."
Mein Autor, mein Autor, jetzt fasst es mich an !
's Marketing hat mir ein Leids getan !"

"Dem Autor grauset's, er schreibet geschwind,
Er haelt in den Armen den aechzenden Fan,
Erreicht den Kiosk mit Muehe und Not ;
In seinen Armen der Fan ist tot."

(Gesaenge der Leser)
(zugeschrieben dem Lyriker Feldhoff und nicht Fontane [*])


"Ich bete nicht zu einem Expokraten, der meine Fantasien
leitet. Ich rufe keine weisen Musen oder Choere an. Sondern
ich trage alleine die Verantwortung fuer mein Schreiben.
Was zaehlt, das sind die Worte der Gegenwart. Meine
Unverfrorenheit beweise ich heute, ich treffe meine
Verunglimpfungen heute, und begehe heute meine Blasphemien.
So wie jeder Noergler.
Mein Name ist R.T. Ich bin ein Zeuge der Serie."

--

Mit ueberwaeltigender Mehrheit und nach Leeren beider Faesser wurde die
dichtende Majestaet gewaehlt und die Psionischen Mails in Bewegung gesetzt,
die Bollwerke der kybernetischen Autoren zu stuermen, den Weg zur
Schreibstaette des Ewigen Verraeters zu finden und der IP-Spur in sein
Schloss zu folgen.



[*] Das leise Surren im Hintergrund entsteht durch das Rotieren Johann
Wolfgang Goethes in seinem Grab. Vielleicht dreht auch der allmaechtige
Marcel R.R. an einer Kurbel?

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Tei 2

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Rezension

Positives:

Ein Heft mit buntem Umschlag, zuegig und fluessig lesbarem Inhalt, der
fraglos unterhaelt und nicht langweilig wird. Womit die grundsaetzlichen
Vorgaben durchaus erfuellt sind. Ein Roman, der frei ist von auffaelligen
"Ausrutschern" in die Nadire misslungener oder gar schlechter PR-Romane.

Womit sich jede weitere Beschaeftigung mit dem Roman eigentlich schon
eruebrigen koennte. Was gibt es schon zu sagen ueber ein routiniert
geschriebenes Kapitel unter 2250 anderen Kapiteln der grossen Saga?


Neutrales:


Der "Chef" persoenlich hat es geschrieben, und es handelt sich immerhin um
einen "kleinen" Jubilaeumsband. Die Halbzeit des Zyklus ist erreicht und
insgesamt erwartet man sich als Leser da schon eine gewisse Zaesur. Neue
Erkenntnisse, ein weiteres Oeffnen der bisherigen Schauplaetze, eine neue
Qualitaet der Boesewichter oder der zyklusbestimmenden Gefahr.

_Davon_ war in 2250 aber nichts zu finden. Wesentliche Raetsel der
Vergangenheit wurden in den vorangegangenen Romanen bereits angesprochen
und geloest, der Uebergang von den passiven Gejagten zu den aktiv werdenden
Jaegern, was unsere Protagonisten betrifft, ist ebenfalls bereits erfolgt.

Zephyda, die vor etlichen Wochen den Kybb den Krieg erklaert hat, beruft
endlich eine Versammlung der Planetaren Motana-Majestaeten ein, um sich von
diesen die Legitimation zu holen, den Kybb den Krieg zu erklaeren?

Das ist als Aufhaenger, unabhaengig von der zeitlichen Abfolge, besonders
fuer einen erwarteten Schluesselroman, nicht gerade ergiebig. Kaum der
Stoff, aus dem Epen geschrieben werden.


Positives:

Aber, wenn der direkte Vergleich mit dem vorangegangenen Zyklus erlaubt
ist, laesst sich trotzdem ein durchaus positiver Unterschied erkennen.
Naemlich, dass es eben keine Zaesur gab, dass das Tagesgeschaeft, wenn auch
chronologisch etwas seltsam geordnet, ohne grosse Aha-Effekte
weitergefuehrt wurde. Waehrend 2150 zweifelslos einen recht markanten
Einschnitt in die Zyklushandlung markierte: Aus einem qualitaetsmaessig
stark schwankendem Zyklus mit aeffischer Dominanz und stoerendem
Grauleben-Einfluss, wurde der laengste Zyklus-Coda in der Geschichte der
PR-Serie. Aus unglaublich ueberlegenen Invasoren hoffnungslos unterlegene
Tontaubengegner von bisher nicht bekanntem Ausmass. Von ein paar reizvollen
Einzelheften abgesehen, etwa der Geschichte des Verkuenders, rauften unsere
Helden sich damals in mehreren Handlungsebenen seltsamst jeder spuerbaren
Gefahr entrueckt einem auf bestimmte Heftnummern fixierten Finale entgegen.

Warum dieser lange, scheinbar abschweifende Rueckblick? Nun, weil die
Hoffnung doch gross ist, dass der nicht besonders aufregende Roman mit der
Nummer 2250 eine rasantere, spannendere, aufregendere, kompaktere, an
Hoehenpunkten reichere zweite Zyklushaelfte einleitet. Im Unterschied zu
Tradom beginnen wir diesmal erst jetzt ein wenig vom tatsaechlichen
Potenzial des Gegners zu erahnen; sieht es nicht so aus, als muesste bloss
eine Wunderwaffe erfunden werden, um all das laestige Weltraumgesindel zu
verjagen.

Ascari war eine mit Vorschusslorbeeren ueberschuettete, angebliche
Superfrau und entpuppte sich als Pinup-Verschnitt einer Comic-Soldatin, die
es nicht mal schaffte auf geplante Einsaetze eine ordentliche Ausruestung
mitzunehmen (Eltanen), oder ein prickelndes Love-interest fuer den grossen
Rhodan zu sein.

Zephyda hatte ihren Einstieg als Waldprinzessin, die zum leichtgeschuerzten
Groupie fuer Atlan aufstieg. Und sich dann nach und nach als zentrale Figur
des Zyklus entpuppte. Mit 2250 darf sie diese Rolle nun offiziell
einnehmen. Auch wenn fuer uns Leser das nur die Bestaetigung eines ohnehin
seit laengerer Zeit bekannten Faktums war.

Dort eine Figur, die nach einer marktschreierischen, erzaehlerisch eher
misslungenen Vorstellung an Profil verlor, der nicht mal ein versoehnliches
"Schicksal" vergoennt war. Hier eine vielleicht auch nicht besonders
realistisch wirkende Amazone, die (hoffentlich) das angedeutete Potenzial
im kommenden Jahr einloesen wird.


Neutrales:

Ist es Zufall, habe nur ich den Eindruck, dass Robert Feldhoff sich mit
maennlichen (maennlich orientierten) Protagonisten "leichter" tut als mit
ihren weiblichen Gegenstuecken?

Sein Kantiran, auch wenn ich den Jungen persoenlich nicht mag, war durchaus
ordentlich gezeichnet, Letoxx war schnoerkellos und vielversprechend
beschrieben. Salaam Siin oder der Moerderprinz Samaha blieben zu Recht in
guter Erinnerung. Auch den Alaska Saedelaere hat er besser als einige
seiner Kollegen getroffen.

Seine Ascari wollte nie so richtig "leben", und wenn man Mondra Diamond mit
Feldhoff verbindet, dann fehlte auch da das gewisse "Etwas". So wie die
Zephyda im aktuellen Heft 2250 eher unterkuehlt und konturlos durch eine
Handlung gefuehrt wird, in deren Mittelpunkt doch eigentlich sie und kein
anderer stehen sollte.

Es war (fuer mich) wohl kein Zufall, dass ich mir beim Lesen einige Male
dachte, dass Frank Borsch fuer diesen Roman der geeignetere Autor gewesen
waere.


Negatives:

Auch wenn wir vom Monster der Woche, oder dem Psychopathen der Woche,
verschont blieben, das Fuellmaterial um den Mordkomplott gegen Zephyda
machte genau diesen Eindruck: Fuellmaterial.

Den so friedfertigen Motana auch mal Mordgelueste und Mordplaene zu
unterstellen ist bei nahen 'Menschenverwandten' nicht abwegig. Aber die Art
und Weise, wie damit Spannung (oder besser: keine Spannung) erzeugt wurde,
empfand ich als nicht sehr gelungen.

Es stand schlichtweg ausser Frage, dass Zephyda tatsaechlich etwas
zustossen koennte. Es war nicht notwendig, sich um sie Sorgen zu machen.
Nicht mal ein groesserer Rueckschlag in der Gunst der Motana war
vorstellbar. Nach fast 50 Wochen recht betulichem Aufbau der
Motana-Handlung war es fuer mich nicht vorstellbar, dass wir Leser schon
wieder auf ein "demnaechst", auf ein "im naechsten Viererblock" vertroestet
werden.

Damit war Seite um Seite des Romans recht leicht vorhersehbar.
Interessanter waere da gewesen, den Leser raetseln zu lassen, _wer_ hinter
dem Mordkomplott steckt. Aber da fehlten wiederum ausreichend und bereits
bekannte Verdaechtige.

Den Nebenhandlungen um das Auffinden eines weiteren Schildwachen-
versteckes und die Ozeanischen Orakeln fehlte ebenso das "Kaliber", um den
Roman laengerfristig in Erinnerung zu behalten.


Bleiben noch Kleinigkeiten, die ich zwar nicht ueberbewerten moechte, die
aber dazu beitragen, in dem Roman nicht mehr als ein Durchschnittsheft
eines noch nicht in Schwung gekommenen Zyklus zu sehen:

Wie z.b. der unverhaeltnismaessig breite Raum, den die
Abstimmungsmodalitaeten einnahmen. 300 Anfuehrer treffen sich, die
vermutlich daran gewohnt sind, schnelle und vor allem praktische,
"handfeste" Entscheidungen zu treffen. Die sollen nicht rasch und
ueberschaubar durch Haendeheben oder Aufstehen ihre Entscheidung
bekanntgeben koennen? Zwei mehrtausendjaehrige Unsterbliche sollen durch
Abzaehlen oder eindeutiges Schaetzen die Mehrheit einer Gruppe von 300
nicht verbindlich erkennen?

Das Fuer und Wider des verlangten Krieges auszudiskutieren waere
vielversprechender gewesen, als zu viele Absaetze um die anschliessende
Abstimmung zu verlieren. (Das aber in Worte zu fassen waere wohl
aufwaendiger und zeitintensiver gewesen, keine Frage.)

Rhodan wird als "Unparteiischer" zum Leiter/Schiedsrichter/ Moderator der
Versammlung bestimmt. Ja, warum soll der Herr Resident denn in diesem Fall
ueber den Dingen stehen? Der Terraner hat ein gutes und offensichtliches
Interesse, im Sternenozean die potenzielle Gefahr fuer seine Heimat
aufzuloesen, die Macht der Kybb zu brechen, und eventuell die von der HI
relativ verschont gebliebenen Motana zu Verbuendeten Terras zu machen.
Nicht nur das, ein Gutteil der bisherigen Aktionen geht zu einem nicht
unbetraechtlichen Teil auf die Bestrebungen des Terraners zurueck.


Sprachlich machte der Roman auf mich den Eindruck, als waere er eher
schnell und unter ueberdurchschnittlich viel Zeitdruck entstanden. Manche
Gespraeche wirkten doch ein wenig roh.

Und bereits nach wenigen Seiten stolperte ich ueber zwei fast
aufeinanderfolgende Saetze: "Lyrressea hatte nach dem Untergang der
Schutzherren konserviert und jenseits der Zeit in ihrem 'Ewigen Asyl'
verbracht."

???

"...aber sie, ein Geschoepf der Superintelligenz ES, war zum Leben
verurteilt wie ihre Liebe zum Tod."


Ersterer Satz koennte glatt von mir stammen, wenn waehrend des Schreibens
zwei moegliche Formulierungen durch den Kopf geistern und sich vermischen,
oder nach einer Stoerung die Faulheit zu gross ist, den zuvor begonnenen
Satz noch einmal komplett "durchzudenken".

Zweiterer scheint mir poetisch ein wenig verunglueckt zu sein. Vielleicht
gerade auf Grund der Kuerze wirkt er auf mich schwerfaellig formuliert.

Und weil ich in einer Sekunde der Aufmerksamkeit bereits zu Beginn des
Romans darueber "gestolpert" bin, blieb ich vermutlich auch im weiteren
Verlauf ein klein wenig empfaenglicher fuer weniger geglueckte
Formulierungen als es ansonsten der Fall ist.


Fazit:

Die Erwartung war deutlich groesser als das, was tatsaechlich geboten
wurde. Zwischen Ankuendigen fuer kommende Ereignissen, Handlungsfragmenten
und einem neuerlichen Einblick in die Gesellschaft und das Leben der Motana
mogelte der Roman sich irgendwie durch die 50 Seiten, ohne zu einem
"echten" Hoehepunkt zu kommen.

Ein "Okay"/"rasch zu lesender Zeitvertreiber"-Roman, leider aber nicht
mehr.

 

Metadaten

Dieses Visier wurde verfasst von Rudolf Thiess

Die aktuelle Version wurde am 22. July 2006 in die Datenbank eingepflegt

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