Im Visier 2244

Zugrunde liegender Roman: Horst Hoffmann - Bürgergarde Terrania

Plot | Teil 2 | Rezension

Vorbemerkungen und Plot

Plot:

Weil die braven und tuechtigen Terraner es allmaehlich leid sind, immer wieder Opfer heimtueckischer Anschlaege irrer Gon-Orbhon Anhaenger zu sein, bilden einige der bravsten und tuechtigsten von ihnen die Buergergarde Terrania, um mit heimtueckischen Anschlaegen irrer Gardisten endlich wieder fuer Ruhe und Ordnung auf den Strassen zu sorgen.

In muehseliger tuechtiger Kleinarbeit entlarvt ein Kleeblatt tuechtiger TLD-Agenten den geheimnisvollen Anfuehrer der Garde und verhindert einen finalen, katastrophalen Anschlag derselben auf die Sekte.

Ende gut - Alles gut?

Um der Gerechtigkeit Genuege zu tun, berufen wir erst einmal die BUERGERJURY TERRANIA ein.

Obwohl die Oeffentlichkeit aus Sicherheitsgruenden von dem folgenden Prozess ausgeschlossen ist, haben sich fuer die Buergerrechte und Informationsfreiheit einsetzende USO-Agenten dennoch in die streng abgesicherten Gerichtsraeumlichkeiten einschmuggeln koennen. Gut getarnt und in der relativen Sicherheit einer Obst- und Gemueseschuessel beobachten die beiden ungenannt bleibenden Top-Agenten fuer uns die Verhandlung.

Auf der Richterbank Platz genommen hat der Ehrenwerte Judge Nathan, der trotz vor kurzem durchgefuehrter Lobotomie an der offenen CPU zumindest 2/3 aller LFT Paragraphen in seinen Speichern parat haelt. Und binnen weniger Tage auf einzelne davon zugreifen kann. (Tech. Anm.: Aufgrund der HI funktioniert im Perryversum leider nur noch Bubblesort.)

Die Anklage uebernimmt der ueberaus populaere Norman, einer der zur Zeit intellektuellsten Denker im Solsystem, der in seiner Laufbahn Erfahrungen mit terranischen, arkonidischen, kosmokratischen und tradomschen Rechtssystemen machte. Ein aus dem Hayok-Archipel eingeflogener Papagei hat sich bereit erklaert, fuer den grauen Staranwalt, der auf eine Robe verzichtet, zu uebersetzen.

Als Verteidiger fungiert ein gewisser Perry Mason, dem von vielen ein seltsames, weit zurueckliegendes Naheverhaeltnis zum terranischen Residenten nachgesagt wird.

Auf der Anklagebank... aeh den Anklagebaenken tummeln sich die grossen und kleinen Protagonisten eines uns allen wohlfeilen Romans mit der Nummer 2244.

Besonders illuster sind die Geschworenen, aber wir wollen sie erst spaeter zu Wort kommen lassen.

"Chip Greuther, Bernie Schneider, Maggie Sweeken. Wie ich sehe ist keiner von euch T-Shirt-Traeger, deswegen darf ich euch duzen. Gleichzeitig muss ich euch darauf aufmerksam machen, dass ein Spezial-Shirt fuer meine lunaren Speicher- baenke bereits in Arbeit ist, in Kuerze geliefert und angezogen wird, und ich daher sehr wohl mit der geziemenden Form anzusprechen bin. Der Anklaeger hat das Wort!"

"Nieten, Versager, Rohrkrepierer", kraechzt es vom Pult des Staatsanwaltes. Normans roechelndes Troeten und seine sich weitenden Pupillen scheinen anzudeuten, dass er mit dieser Simultan-Uebersetzung nicht ganz einverstanden ist. "Federlose, Fluegellahme, Suppenhuehner", setzt der Papagei ungeruehrt seine Anklageverlesung fort. Einsetzender Tumult im Saal bewegt den Vorsitzenden den Uebersetzer mit einer Ordnungsstrafe zu belegen und aus dem Saal fuehren zu lassen. Er selbst wird die Uebersetzung der Norman'schen Anklage uebernehmen.

"Ausschussware, Kurzschluesse und Systemfehler! Die spektralen Veraenderungen eurer Hautoberflaechen verraten bereits, dass ihr nicht nur schuldig im Sinn der Anklage seid, sondern euch dieser Schuld auch bewusst seid."

Nach einem Blick auf den seltsam laechelnden aber schweigenden Verteidiger ergreift Chip als Sprecher das Wort: "Wir plaedieren auf unschuldig, wie immer diese Anklage auch lautet. Immerhin haben wir einen Anschlag verhindert."

"Troet.. troetroetroett...trrtrrooett." "Punkt1 : Amtsanmassung und wiederholtes Ausgeben als TLD-Agenten!"

"Aber - wir _sind_ TLD-Agenten...", widerspricht Chip heftig.

"Und ich bin ein indischer Ele... aeh.. eine Syntronik", holt Norman bzw. Richter Nathan aus. "Wen haben wir denn da:

Bernie Schneider. Ein Angeber, Raucher; uebergewichtig, laeuft die 100 Meter in 100 Sekunden - an guten Tagen. Hat als Arzt versagt, hat sich laut Befund unserer Psychologen durch die blosse Beschaeftigung mit altterranischen Religionen ein nicht behandelbares Trauma eingefangen. Extreme Anfaelligkeit fuer Stammtischparolen und einfache Loesungswege. Versteckt seine Komplexe hinter sexistischem Gehabe. Ein Mitlaeufer. Vermutetes Berufsprofil unseres Robo-Psychologen: Fensterputzer in der Solaren Residenz oder Wartungstechniker mit Schwerpunkt "Einoelen von Roboter-Scharnieren.

Chip Greuther: Parodie eines Alphamaennchen, aber ohne Fantasie, mit Hang zu Gewalttaetigkeiten, den zu unterdruecken ihn einen Grossteil seiner Energie und seines Willen kostet. Ein bewaffneter Mordanschlag auf den vermuteten aber unschuldigen Mann, der seine Frau auf dem Gewissen hatte. Wurde in der darauffolgenden Verhandlung zur Lobotomie hier nicht naeher zu nennender Gehirnpartien verurteilt, lebenslanges Verbot des Tragens von T-Shirts. Damit keine Chance, je zu terranischen Elite zu gehoeren. Eine mentale Abhaengigkeit zu einer frueheren Kollegin, deren Verlust er nie ueberwinden hat. Vermutetes Berufsbild: Sozialhilfeempfaenger.

Maggie Sweeken: Hat sich in fruehester Jugend in den oertlichen Prediger der lokalen Religionsgemeinschaft verliebt, nach dessen Ernennung zum Oberprediger ein Keuschheitsgeluebde abgelegt. Intensive religioes motivierte Wunschvorstellungen. Sieht einen Gott hinter jedem Busch und jeden Regentropfen. Steht im Team im Schatten einer erfolgreicheren Vorgaengerin. Passendes Berufsbild: Nonne oder Pizza-Austraegerin.

Alles in allem sehe ich da nichts, was auf eine Eignung fuer TLD-Agenten schliessen laesst. Im Gegenteil, kein TLD- Vorgesetzter wuerde, falls Personen dieser Praegung es irgendwie in ein Dienstverhaeltnis schaffen, sie auch noch zu einem Team zusammensetzen."

"Natha.. aeh.. Euer Ehren! Wir _sind_ ein Team. Novidel Residor hoechstpersoenlich hat das so angeordnet!"

"Novidel Residor. Das trifft sich gut, denn er sitzt gleich neben euch auf der Anklagebank."

"Das muss ein Irrtum sein, Nathan. Ich wurde unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hierher gelockt. Ich habe auch gar keine Zeit, mich in Zeiten wie diesen mit solch albernen Verhandlungen abzugeben."

"Natuerlich nicht. Weil Du aller Vorraussicht nach ein Agent Bostichs bist, mit dem Ziel, den TLD zu sabotieren und handlungsunfaehig zu machen. Im uebrigen spreche ich im Moment als Norman zu dir. Troeettt!"

"Nicht als eine infame Unterstellung."

"Die leider durch zuviele Fakten untermauert wird. Der TLD ist unter deiner Fuehrung von einem galaxisweit gefuerchteten Geheimdienst zur Lachnummer des Universums geworden. Sogar die Spinner von der nUSO sind dort erfolgreich, wo deine Leute versagen. Ich erinnere mich noch gut an zwei Swoonsche Agenten, die bis zu Bostich vordrangen. Waehrend deine Leute sich in Gourmettempeln verkrochen und sich, ja, wie soll ich es hoeflich sagen, als Drogensuechtige entpuppen, ihre eigenen Kameraden verraten, sich von Arkoniden in Geiselhaft nehmen lassen. Sie versagten waehrend der Monochrom-Mutanten-Krise, beim Angriff von Seelenquell, beim Eindringen eines tradomschen Trahs in unsere Merkur-Anlagen, beim Sichern von Guetern und Fertigungsanlagen nach dem HI-Schock, selbst als Nachtwaechter in Irland, beim Ueberwachen der Gon-Orbhon Sekte und zuletzt bei der Kontrolle der illegalen Buergergarde. Ich erinnere nur an die TOMBA und ihre wertvolle Ladung. Die drei unfaehigsten Nicht-Agenten der TLD alleine sollten fuer deren Sicherheit sorgen. Eine religioese Sekte ueberwachen; obwohl zumindest 2 der drei Agenten selbst als extrem anfaellig fuer deren Predigen zu gelten haben. Und du selbst warst es, der ihre fruehere Kollegin abberufen und befoerdert hat. Die sich fuer dich voellig ueberraschend als irre Extremistin entpuppte, obwohl selbst ein positronischer Taschenrechner sie auf den ersten Blick als solche erkennen wuerde. Die selbst am Druecker ihrer Bomben sein wollte, die ihre Kollegen jahrelang beeinflussen und manipulieren konnte. Alles nur Zufall?"

"Unsere TLD-Psychologen sind zu ganz anderen Schluessen gekommen..."

"Das bezweifle ich nicht. Aber ich vermute, diese 'Experten' wurden aus irgendwelchen Stellarnet-Foren rekrutiert, wo sie psychologische Laiengutachten ueber die fiktiven Helden ihrer Lieblings-Triviserien abgaben. Foren, die ich selber vor vielen Jahren so eingerichtet habe, damit wir diese bedauernswerten und oft kranken Menschen besser unter Kontrolle haben."

"Ich bin kein Arkon-Agent!"

"Das mag sein. Arkon ist ja nicht die einzige Macht, die uns an die Lederhaut... aeh...die Schaltkreise will. Du koenntest ja auch im Dienste eines ebenfalls schon aktenkundigen Weinlandes sein, das auf Basis einer boesen Erde sein Imperium aufbauen will. Oder gar von dieser ominoesen Sternenkonfoederation stammen, die uns nach den Posbis und Cantaros jetzt auch noch die Plaene fuer neue Pyjamas und nicht-explodierende Konsolen fuer Raumschiffszentralen rauben will..."

"Aber ich habe die TOMBA sicher zur Erde gebracht, deren Kommandantin kann das bestaetigen!"

"Die Kommandatin der TOMBA, die auf der Anklagebank den Platz neben dir einnimmt? Die feige und hinterhaeltig eine Space-Jet den langen Weg vorausschickte, angeblich um zu ueberpruefen, ob ein Durchkommen nach Terra ueberhaupt moeglich ist? Die aber nur ihren laestig gewordenen Geliebten, der Kommandant besagter Jet war, loswerden wollte, weil er wusste, dass sie zusammen mit ihrem Sohn in der Dienstzeit Drehbuecher fuer eine Trivi-Serie schrieb? Dumm nur, dass die Jet wider erwarten heil ans Ziel kam. Die Kommandantin, die zudem 90% ihrer Ladung unterwegs bereits heimlich an einige Springer verkauft hatte, die im Dienste unseres Erzfeindes Bostich stehen?"

"Einspruch", schnellt die mehrfach beschuldigte Kommandantin hoch. "Das sind nur Vermutungen, die nirgends so geschrieben sind. Die leeren Frachtraeume lassen sich einfach erklaeren. Die Positroniken zu Hause, ohne Unterstuetzung durch vernuenftige Syntrons, haben Probleme mit grossen Zahlen. Da ist schlichtweg irgendwo eine Zehnerpotenz verloren gegangen. Das kann schon mal passieren. 500 Millionen, wie soll eine schlichte Positronik wissen, wieviele Nullen so eine grosse Zahl hat?"

"Ebenfalls Einspruch", unterbricht Residor sie. "Uns geht es nicht viel anders. Auch unsere Positronik war die Ansicht, dass 3 Agenten ausreichen, ein kleines 500-Meter Schiff zu durchsuchen. Dass die fuer die Laenge des Einsatzes angegebene Zahl '36000' sich nicht auf Sekunden sondern Tage bezog, wie haette ich das wissen koennen? Die Daten stammen immerhin von einem unserer faehigsten Strategen, wenn es um grosse Zahlen geht, unserem altgedienten Physiker Arnell Merdt. Und was diesen ungeheuerichen Vorwurf betrifft, ein feindlicher Agent zu sein: selbst Homer G. Adams wuerde fuer mich die Hand ins Feuer legen."

"Adams", troet.. aeh.. uebersetzt Richter Nathan, "der zufaellig in der Bank hinter dir sitzt?"

"Aeh.. ich wuerde das so nicht sagen", meldet Adams sich ein wenig erschrocken zu Wort. "Wie heiss waere dieses Feuer denn, in das ich meine Hand legen soll? Und um welche Hand handelt es sich dabei?"

"Adams, der unter recht seltsamen Umstaenden recht ueberraschend ins Sonnensystem zurueckgekommen ist. Auesserst verdaechtigt. Der heimliche Mastermind der USO. Der ohne Ueberpruefung, aufgrund einer uralten Vorrangsschaltung, zum Krisenminister ernannt wurde. Dessen einzige Leistung darin bestand, T-Shirts zu erfinden und zu verschenken. Was nebenbei oekonomisch absolut sinnlos und falsch ist. Bei nur einem Galax pro abgegebenen Shirt haetten wir bereits genuegend Staatseinnahmen, um die Gebuehren fuer ein interstellares Ferngespraech an die Springer zu bezahlen und ein paar Schiffsladungen roter Hyperkristalle zu bestellen. Adams, der unter raetselhaften und ungeklaerten Ursachen ein vermutlich gestelltes Attentat in Irland ueberlebte. Der dort privat im Haus eines alten Freundes untergebracht war, hinterher aber beim Finanzamt einen hoch dotierten Uebernaechtigungsbeleg einreichte. Ja, Herr Adams, nicht alle Chips meiner Positronik haben unter der HI gelitten! Meine Steuer-Schaltkreise sind voellig intakt."

"Das war ein Fehler meiner Sekretaerin, die ganz zufaellig gleichzeitig dort ihren Haupturlaub verbrachte. Sie hat _ihre_ Spesen aus Versehen unter meinem Namen eingereicht. Ich habe sie deswegen bereits gefeuert, und sie wird fruehestens in 1111 Wochen wieder eine Stelle im Staatsdienst antreten koennen."

"Wenn es die Zeit erlaubt, wird sie spaeter verhoert werden. Schliesslich sitzt sie nur drei Reihen hinter dir, Adams."

"Der Erste Terraner! Und Tifflor! Sie koennen bezeugen, dass ich nur in bester Absicht nach Terra gekommen bin."

"Tifflor ist leider nicht verfuegbar. Aber ich habe schon veranlasst, dass er im Hayok-Archipel erst mal unter Hausarrest gestellt wird. Ascari da Vivo hat sich in ihrer freundlichen Art liebenswuerdigerweise bereit erklaert, die LFT-Regierung in dieser Angelegenheit zu unterstuetzen. Und der Erste Terraner, dessen Namen mir gerade nicht einfaellt, nun der sitzt direkt neben deiner Ex-Sekretaerin, auch wenn sie ihn anscheinend nicht zu bemerken scheint. Was ein recht verbreitetes Phaenomen ist. Der Verdacht ist gross, dass es sich bei ihm um einen uns infiltrierenden Laurin handelt..."

"..." Der Erste Terraner erhebt sich, sein Mikrophon scheint defekt zu sein, denn trotz deutlich sichtbarem Fuchteln seiner Arme will hinterher kein Anwesender gehoert haben, was er zu seiner Rechtfertigung vorzubringen hatte.

Der Reihe nach werden die fruehere wort- und handlose Kollegin unserer drei Vielleicht-doch-nicht-Agenten (wegen tatsaechlichen und versuchten Massenmordes), mehrere einfache TLD-Agenten (wegen Schlafens im Dienst), Carlosch Imberlock (wegen rechtlich ungeklaerter Verbreitung urheberrechtlich geschuetzter theologischer Fachbuecher), Bre Tsinga (wegen unberechtigten Ueberstellens eines Leih-Gleiters nach Irland und bereits laenger zurueckliegender verbotener Bilokation), ein Vertreter der Tabak-Industrie (aufgrund einer Privatklage des staendig hustenden Bernie Schneider), ein seltsamer Metallsarg, aus dem irgendwelche Hautfetzen herausstehen (wegen unangemeldeten Eindringens in ein Privatmuseum), und Myles Kantor (wegen zwanghaften Sammelns von Uhren) vernommen.

Ueberraschenderweise kommt es sogar zu einer spontanen Verurteilung des Staatsanwaltes Norman wegen wiederholten ungebuehrlichen Troetens im Gerichtssaal und dem Hinterlassen eines wenig wohlriechenden Haufens, was eine ihren letzten Tag als Gerichtsreporterin feiernde Journalistin zum Anlass fuer eine ganze Tirade von Schmaehreden gegen den rhetorisch eher zurueckgebliebenen Klon nimmt.

Als Richter Nathan sich selbst wegen wiederholten Vergessens oft existenzieller Unterlagen und Bauplaene frueherer Waffen anklagen muss, scheint die Sensation perfekt zu sein.

"Das ist doch Wahnsinn", knurrt Residor. "Albern, lachhaft. Wenn ich noch Gefuehle haette, wuerde ich glatt lachen."

"Wir sind unschuldig", plaediert der mittlerweile ohne Ausnahme unter Anklage stehende Gerichtssaal. Die Situation droht endgueltig zu eskalieren, als von der Geschworenenbank eine ruhige, beherzte Stimme kommt. Der Sprecher der Jury, ein aufaellig grosser, gut gekleideter und eleganter Mann meldet sich zu Wort.

"Ich denke, wir haben es hier mit einem literarisches Problem zu tun. Was dieser verworrenen Geschichte fehlt, dass ist ganz einfach jemand wie ich: ein Lektor! Gestatten, Hannibal Lektor. Verzeihen sie meine undeutliche Aussprache, aber ich kaue noch am letzten Stueck meiner Jause. War ein ziemlich zaeher Brocken.

...

Natuerlich sind diese drei TLD-Hampelmaenner schuldig, genauso wie Residor und Adams und Curtiz und Tsinga. Aber sie koennen dennoch nicht fuer ihre Schuld verantwortlich gemacht werden. Sie sind, wie eine sehr geschaetzte Freundin, die zudem die Frau eines nicht ganz so guten Freundes war, der leider als etwas zaehes Kaninchenragout endete, vor langer Zeit richtig bemerkte, 'so gezeichnet'. - Oder beschrieben. Die Zeichner sollten wir in unserem Fall lieber getrennt unter Anklage stellen."

"Aber das waere ja ein Ausreden auf hoehere Gewalt?" Richter Nathan zweifelt noch an der Expertise des Geschworenen.

"Ja. Obwohl ich das mit dem "hoeher" nicht derart betonen wuerde. Wir alle hier handeln so, weil es uns vorgegeben ist. Es geschieht, nicht weil es so geschehen ist, sondern weil es so geschrieben wurde."

"Aber das wuerde ja bedeuten..."

"Ja! Genau das!"

"Nun gut, ich ordne hiermit die sofortige Einvernahme und Vorfuehrung des mutmasslichen Autoren Horst Hoffmann aus dem Metauniversum an."

In jenen fantastischen Zeiten der LFT geschieht so eine Gerichtsladung nahezu ohne Zeitverlust. Schwer bewacht wird der neue Angeklagte in den Saal gebracht: ein Dutzend mit frisch ausgepackten Radiergummis bewaffnete Taras umkreisen den noch etwas verwirrt dreinblickenden Autor, bereit jedweden literarischen Manipulationsversuch seinerseits sofort auszuradieren.

"Aber... aber...", sucht er nach Worten, nachdem er die mehrstuendige Anklageverlesung hinter sich gebracht hat. "Ich bin unschuldig! Ich kann es auch beweisen. Ich habe nur auf Expose gehandelt. Hier, ich habe sogar eines dieser Exposes mit. Ich schreibe doch auch nur, was da vorgegeben wird."

Wieder steigt der Tumult im Saal an. "Na gut, dann laden wir denjenigen vor, von dem diese Exposes stammen."

Wieder vergehen nur wenige magische Augenblicke, bis in einem Faradayschen Kaefig eingeschlossen, aller Kugelschreiber, Fuellfedern, Bleistifte, Tastaturen oder Spracheingabegeraete entledigt, der Expokrat des Metaversums hoechstpersoenlich vor den Richtertisch geschoben wird.

"Wenn es nur so einfach waere", seufzt er nach der mittlerweile mehrtaegigen Verlesung der ausgeweiteten Anklageschrift. "Das habe ich zwar geschrieben, aber das entspricht doch nicht dem, was ich gerne schreiben wuerde. Unser Redakteur, der Klaus, der bezahlt mich doch nur dann, wenn ich das und nichts anderes schreibe. Er hat mich sozusagen in der Hand..."

Nun, das Prozedere sollte mittlerweile bekannt sein. Auch eine so machtvolle Persoenlichkeit wie der Chefredakteur der maechtigsten Redaktion aller Zeiten in saemtlichen Multiversen kann sich der einberufenen Gerechtigkeit nicht entziehen. Nachdem er von einem metaphorischen Hammer entwaffnet wurde, mit dem er eben dabei war, kommende Grosstaten im Perryversum ankuendigen, hat auch er ein ueberzeugendes Plaedoyer bereit.

"Ich und bestimmen? Ich gebe ja zu, dass diese kritisierten Punkte, von Verbrechen will ich erst gar nicht reden, nicht immer ganz unrichtig sind. Aber was soll ich tun? Es ist halt das Marketing! Die sagen mir fast stuendlich ganz genau, was unsere Leser wollen. Und das, und nur das, gebe ich dann an Robert weiter. Und der schreibt die Exposes und gibt sie an die Autoren weiter. Und die geben die Vorlage dann an euch, unsere ueber alles geliebten geistigen Kinder weiter. Auch wenn ihr manchmal geistig etwas unbeholfen wirkt..."

"Das Marketing. Soso."

Der Platz im Gerichtssaal wird allmaehlich eng, als alle 333 Verlags-Marketing-Experten nach Abgabe ihrer Taschenrechner, Steuererklaerungen, Renditen-Modelle und Umfragestatistiken Aufstellung nehmen.

"Wir? Wir sind die letzten, die etwas zu sagen haben. Wir lesen die Hefte nicht, wir kaufen sie nicht einmal. Wir sind doch nicht die Kunden, und sehen es zudem als Frechheit an, mit unserer Zielgruppe verglichen oder gar verwechselt zu werden. Es sind die... LESER. Die sind verantwortlich."

Haette Richter Nathan Haare statt langsam ergrauende Hyper- kristalle, wuerde er sie zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon zerrauft haben. "Aber ich kann doch nicht zig-Millionen Leser vorfuehren lassen... Daran hat sich schon ES einmal uebernommen."

"Schoen waer's", murmeln ein paar der zuletzt Angeklagten im Hintergrund. Wobei nicht ganz klar, ob sich das auf die zig-Millionen oder das Vorfuehren bezieht.

"Naja, die meisten dieser Leser sind ohnehin mit allem zufrieden und liebe und ruhige Leute. Es sind nur ein paar, ganz wenige, die so laut schreien, das alle anderen auf sie hoeren. Das ist wie mit den G-O Juengern. Sie koennen sich gegen die Einfluesterungen ueberlegener geistiger Entitaeten nicht wehren. Es sind die paar Schurken unter den Lesern, die reichen Petitionen ein, stellen schon mal ein Ultimatum, drohen, boykottieren, die pruegeln auf alles ein, was ihnen nicht gefaellt. Die schreiben sogar E-Mails. Wollen mehr Action haben. Bekommen sie. Mehr SOL. Bekommen sie. Mehr Solares Imperium. Bekommen sie. Mehr Raumschlachten. Bekommen sie. Weniger Raumschlachten. Bekommen sie. Kluegere Invasoren. Bekommen sie. Terraner, die nicht immer laechelnd gewinnen. Bekommen sie. Exotik. Bekommen sie. Einfachere Handlung. Bekommen sie."

[Halt! Halt! Was geht da vor. He, das steht nicht in meinem Skript. Das ist _mein_ Visier! Das hab' ich doch gar nicht geschrieben. Das geht jetzt zu weit. Wer macht mir meinen schoenen Witz kaputt? He! Aus! Aus! Der Schlussgag war doch schon weiter oben!]

"Die zwingen uns stur, genau das zu tun, was sie nachher kritisieren. Wollen mehr Frauen im Perryversum haben. Also haben wir ihnen _zwei_ Bre Tsingas gegeben. Und zugegeben hier bei euch fuer ein klein wenig Chaos gesorgt. Und sind zum Dank gleich wieder verbal geohrfeigt worden. 'Sense of Wonder' wollten sie, also haben wir fuer ein paar wundersame Ereignisse hier gesorgt. Die dann gleich wieder als "herbeigewedelt" niedergemacht wurden. Auch die Sektengeschichte verdankt ihr denen. Die wollten keine Affen und Elche haben, die euch das Leben schwermachen, sondern vernuenftige, ordentliche Gegner. Und wer waere da besser als ein paar Leute von eigenem Blut und Stamm geeignet? Voila! Halb Terra rebelliert!"

[Aus! AUS! AUUUUSSSS! Hier soll doch nicht ueber brave, ehrliche _Leser_ gelaestert werden. Dafuer gibt's doch die viel besser bezahlten Profis bei VPM. _Die_ koennen damit umgehen, die haben sicher eigene Seminare fuer 'so etwas'.]

"Euer Ehren", meldet sich der fast in Vergessenheit geratene Perry Mason zu Wort, "ich beantrage die unverzuegliche Freilassung aller bisherigen Angeklagten. Angesichts der neuen Beweislage sind die bisherigen Anklagen nicht mehr haltbar. Und wie meine eigenen Recherchen, unterstuetzt durch meinen alten Freund Nero Wolfe, zweifelsfrei ergeben haben, handelt es sich bei den eigentlichen Verantwortlichen nur um einige wenige Raedelsfuehrer unter diesen sogenannten toleranten Lesern..."

[_DAS_ ist nicht mehr lustig! Das muss ein terroristischer Anschlag der Gon-Orbhon Brueder sein. Da muss es doch ein Gesetz dagegen geben. Hilfe, ich bin das Opfer eines ausgewachsenen Plot-Nappings. Gebt mir die Kontrolle zurueck!]

"...leider haben sich die meisten dieser Beruefsnoergler hinter ziemlich sicheren Firewalls verkrochen; einige behaupten auch, dass sie fuer irgendwelche Postings ihres Computersystems nicht verantwortlich seien, dass da irgendwelche Laesterviren auf eigene Bytes handeln. Ein ganz besonders schlimmes Exemplar dieser Chaosmacher haben wir aber doch ausforschen koennen..."

[Reset! Wo ist die Reset-Taste. Shift-Delete. Alles sofort loeschen. Widerruf. Break. Stromkabel ziehen. System neu aufsetzen. Nichts wie weg von h....]

"...und Dank der freundlichen Unterstuetzung mehrerer Superintelligenzen und einem kosmokratischen Einsatzkommandos haben wir dieses enorm gefaehrliche Subjekt aus dem Metauniversum geholt. Aber ich warne davor, es zu Wort kommen zu lassen. Das waere fuer den Fortbestand unseres liebgewonnen Perryversums, mit oder ohne HI, vermutlich fatal. Das Subjekt ist dafuer bekannt, dass es schon mal den hochgeschaetzten Tekener umbringen wollte, und Kantor, und unsere teure Kartanin Dao, von der schoensten Arkonidin aller Zeiten, Ascari da Vivo, ganz zu schweigen. Da die Schuld dieses Noerglers von sorglosem Naturell als erwiesen gilt, kann nur die Hoechststrafe angemessen sein..."

[Grmmpf... rmffft... vflxmzmht...] [Aaaahhh......] [.......]

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Tei 2

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Und so endete die lange Schreckenszeit eines Noerglers, der sich letztendlich als Hauptverantwortlicher fuer alle Miseren und Ungluecksfaelle und herbeigewedelte Zufaelle im Perryversum entpuppte. Obwohl fuer 100 Relativeinheiten an Bord des Raumschiffes Voyager im Star Trek Universum verbannt, meinten viele der Opfer dennoch, dass die Strafe dem Verbrechen laengst nicht angemessen sei, dass eine Stelle als Ghostleser aller Leserbriefe ein viel geeigneterer Tartarus gewesen waere.

Und Hand in Hand verliessen Carlosch Imberlock und Noviel Residor den Gerichtssaal, zufrieden mit seinen Relais summend zischte Nathan zurueck in sein lunares Wohnzimmer, um genuesslich ein paar Chips zu kauen, veranstalteten gluecklich verblendete Gon-Orbhon-Juenger ein paar huebsche Feuerwerke in unnuetzen Kernkraftwerken rings um Terrania, heiratete Adams gluecklich die holde Ascari, wurde Bostich endlich der Erbe der lokalen Maechtigkeitsballung und Perry der Erbe aller nicht mehr gebrauchten Socken, was beide zufrieden und froh machte. Bekam, so wie Alaska seine Maske, Lord Zwiebus seine Keule zurueck, Monkey sein Okrill, Atlan seine eigene Serie. Wurde Norman der beliebteste Held im Perryversum. Und die Kosmokraten gaben an ausgewaehlte Voelker fliegende und singende Teppiche aus, die nicht von der HI betroffen waren. Psychopathen wurden wieder geachtete Mitglieder der Gesellschaft, ein Zollbeamter neuer Erster Terraner und Torr Samaho wurde aus ein paar unter Mondra Diamonds Fingernaegeln gefundenen Hautfetzen neu gecloned.

Und wenn sie sich nicht irgendwo im Universum verirren, dann werden auch noch in ferner Zukunft liebe finstere Schurken mit unlauteren Absichten die heimatliche Milchstrasse erobern wollen.

[Nein! Nicht noch eine Therapiesitzung bei Neelix. Und Tuvok! Neeeeein!]

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Plot | Teil 2 | Rezension

Rezension

Positives:

Es ist schon aeusserst positiv, wenn ich bei einem auf der Erde spielenden Gon-Orbhon Sektenroman einen Aufwaertstrend erkenne und die geschilderte Geschichte nicht am liebsten in den tiefsten Lavastroemen des Tartarus versenken moechte.

Nicht dass ich dem Handlungsstrang nun mehr Sympathien entgegenbringe oder ich die tatsaechliche Ausfuehrung dem zugrundeliegenden Thema mitsamt realem Hintergrund fuer angemessen halte.

Aber auch wenn HoHo noch immer keine fuer mich befriedigenden Antworten auf viele der Fragen und Merkwuerdigkeiten zur Sektengeschichte, zur Ohnmacht des/eines Staates gegenueber einer als solchen erkannten Bedrohung hat und liefert, stand eben diese Ohnmacht doch im Mittelpunkt. Sie wurde nicht in ein, zwei Nebensaetzen formuliert, um ein Quasi-Alibi fuer eine hanebuechene vordergruendige Handlung anzudeuten, sondern war zentrales Thema. Es sind Opfer und nicht Taeter, eine offen auftretende Gruppe laesst sich allemal leichter kontrollieren und beobachten als eine in den Untergrund gezwungene illegale Gemeinschaft. Das sind schon einmal Argumente, auch wenn sie den Opfern der "Opfer" kein echter Trost sein werden und politisch auf Dauer kaum haltbar sind, solange die G-O Sekte noch eine deutliche Minderheit der Bevoelkerung darstellt.

Und im Hintergrund klingt erstmals auch durch, dass sehr wohl Infiltratiosnversuche des TLDs stattfinden, dass _Gross_operationen im Laufen sind, und es nicht nur eine (seltsamerweise voellig totgeschwiegene) Mondra Diamond ist, die zu Fuss durch Terrania streift, um dem Phaenomen und der Gefahr Gon-Orbhon auf die Schliche zu kommen.

(Leider hat es aber auch den Eindruck, dass letztendlich der Tld-Chef Residor doch wieder nur auf seine drei "Staragenten" setzt.)

Die Stimmung auf Terra ist also aufgeheizt, eine radikale Anti-GO-Gruppe wird gegruendet. Das ist zwar wieder einmal ein trauriges Bild der aufgeschlossenen LFT-Gesellschaft, das gemalt wird, m.E. aber allemal noch nachvollziehbarer und glaubwuerdiger als fruehere marodierende Gruppen "braver" Buerger, die mordluesternd durch die Strassen ziehen und auch schon mal eine Staatssekretaerin am naechsten Baum aufhaengen wollen.

Stilistisch ist der Roman ein kraeftiges Lebenszeichen von HoHo. Nicht nur eine Ansammlung von kurzen und noch kuerzeren Saetzen, die den Eindruck erwecken, dass da mehr schnell denn recht jemand einen Auftragstext abgeliefert hat. Saetze, die tatsaechlich gelesen werden muessen und nicht fast durchwegs mit einem oft sogar "unterforderten" einzigen Blick erfasst werden.

Und, vom Karneval-Gewalthumor einmal abgesehen, sogar ein paar versteckte Humoreinlagen, die mehr zum Schmunzeln animierten als alberne Werilts.

Endlich mal wieder ein HoHo-Roman, der "besser" geschrieben ist als die leider noch immer recht einfache und naive Agentengeschichte, die im Mittelpunkt steht.

Neutrales:

Die drei Hauptakteure des Romanes werden recht ausfuehrlich vorgestellt. Das schlaegt sich aber leider noch immer nicht in ordentlichen, "lebenden" Charakteren nieder. HoHo beschreibt sie und ihren Werdegang, ihre Laster und Eigenheiten, aber das ist eine sehr _aufzaehlende_ Beschreibung, eine "Meta"- beschreibung. Vielleicht ist aber auch zu wenig Platz in einem Heftroman, um mehrere Personen anhand ihrer Handlungen ausreichend vorzustellen. Und streckenweise war der Eindruck (bei mir) schon sehr gross, dass der Autor seine Figuren stellvertretend fuer Lesermeinungen zum Go-Sektenthema sprechen und denken laesst. Sie sind unzufrieden mit den LFT/TLD Aktionen gegen die Sekte, halten sie fuer nicht weit- reichend genug, erhoffen sich und sprechen sich fuer radikale Massnahmen aus. Irgendwie war mir das zu sehr den Leseransichten der letzten Monate nach dem Mund geredet. Was einerseits zwar als Bestaetigung seiner eigenen Leser-Sichtweise angenehm ist, andererseits die Figuren doch sichtbar einschraenkt und die Faeden erkennen laesst, an denen sie zappeln.

Vermutlich gewollt, aber fuer mich stoerender waren etliche Gegenwarts/Realbezuege.

Als unnoetig habe ich das Hohelied auf praekosmische deutsche Faschingsversanstaltungen empfunden. Das war mir zu sehr mit dem Holzhammer ein bisschen Vertrautheit fuer den bundesdeutschen Leser in die Handlung hineinhaemmernd. Im Kontext der Handlung war die kleine Exkursion, getarnt als Hobby eines Protagonisten, unnoetig, hat das Handlungstempo eingebremst und hat uns zudem letztendlich eigentlich gar nichts wesentliches ueber eben diese Figur gesagt. (Wir unterbrechen kurz die Handlung fuer folgende Durchsage: Unser allseits beliebter Protagonist hat nebenbei ein obskures, seltenes Hobby ... Und nein, im Verlauf der Handlung werden wir nicht mehr darauf zurueckkommen, es hat keine weitere Bedeutung. Wir danken fuer ihre Aufmerksamkeit.)

Wesentlich zwiespaeltiger, weil deutlich breitgefaecherte Interpretationen moeglich sind, empfinde ich die Anleihen an nationalsozialistische Propagandareden. ("Ab heute wird zurueckgeschlagen...") Nein, ich unterstelle keineswegs, dass hier irgendetwas schoengeschrieben, verherrlicht oder gutgeheissen wird. Die "Brandreden", die direkt aus dem Dritten Reich haetten stammen koennen, wurden den "Boesen" in den Mund gelegt, einer letztendlich irren Attentaeterin mit Massenmordgeluesten, deren Weg recht klar als "falsch" angeprangert wurde. Trotzdem bleibt da ein eher ungutes Gefuehl beim Lesen. Eine etwas klamme Frage, ob das eine Art von Subtilitaet sein soll, die von manchen (juengeren?) Lesern vielleicht missverstanden wird. ("Ab heute wird zurueckgeschlagen", das klingt doch cool, das ist ein Wort, jetzt geht's den der einen Gruppe von Fanatikern endlich an den Kragen. Die Geschichte hat gezeigt, wie "cool" dieser eine Spruch (z.B.) ist; ob die Unterhaltungsserie PR aber der geeignete literarische Bereich ist, um da subtil, hintergruendig auch auch nur gedankenlos oder versehentlich irgendwelche Untiefen auszuloten, ist fraglich. Dafuer war weder der Roman noch die Handlungsebene als solche tiefgruendig und ernsthaft genug.

Ohne fuer eine Tabuisierung gewisser Themen in der Serie eintreten zu wollen, gibt es aber Bereiche, die vermutlich mehr Sorgfalt und Beschaeftigung erfordern, als es beim Schreiben von Exposes und Romanen im woechentlichen Rhythmus moeglich ist.

Als Osterreicher ist mir da ein weiteres Detail aufgefallen, bei dem ich nicht weiss, ob es Zufall oder eine Anleihe war. Die Anfuehrerin der Buergergarde, die sich zuvor in recht rechten Reden geuebt hatte und im Prinzip nur eine Bombenlegerin war, wurde zuletzt wie erwartet gestellt. Dabei verliert sie beide Haende. Vor etlichen Jahren machte in meinem kleinen, nicht immer idyllischen Alpenland ein Bombenleger von sich zu reden, der, eher durch Zufall als geplant, schliesslich doch geschnappt wurde. Dabei verlor er beide Haende... Eine zufaellige Uebereinstimmung? Moeglich.

Ein unangenehmer Beigeschmack bleibt trotzdem.

Viele Jahre lang hat ein KHS das Hohe Lied auf die Menschheit gesungen; da konnten Terraner gar nicht klug, stark, tolerant, edel, hilfsbereit, gut zu den Freunden, hart zu den Feinden, fair und gnaedig, wenn es die Situation zuliess, sein. Da habe vermutlich nicht nur ich mir gewuenscht, dass unsere Terraner auch mal den einen oder anderen Fehlen haben koennten, dass das Bild nicht ganz so verklaert gezeichnet wird.

Wie so oft werden Wuenschen erhoert; und das Ergebnis entspricht dann doch nicht dem Gewuenschten. Der irre Haufen Psychopathen, der sich seit laengerer Zeit Terraner schimpft, die Sektierer, Schlaeger, Irre, Drogensuechtige, Versager, Feiglinge, Intelligenzretardierte, Traumatisierten, das ist das andere Extrem.

Und warum soll ich als Leser um _solche_ Terraner bangen und zittern, warum soll ich hoffen, dass sie ihre seltsame, verrueckte Gesellschaft bewahren koennen, die LFT Bestand hat? _Ich_ moechte in dieser LFT nicht leben, in der Boersen- makler noch immer aus dem Fenster springen, wenn die Aktien fallen, wo Baeume nicht zum Darunter-Verweilen inspirieren, sondern zum Aufknuepfen von Mitbewohner.

Die negativen Seiten auch einer LFT sollten gewiss nicht totgeschwiegen werden, aber die positiven Aspekte einer Gesellschaft koennen sich doch nicht auf das Tragen von T-Shirts als Belohnung fuer harte, koerperliche Arbeit beschraenken! Wofuer setzen sich positiv besetzte Helden wie PR, Atlan, Bull, Gucky, Tolot und Co. denn ein? Fuer die Armleuchter auf Terra? Eine seltsame Motivation ist das. Auch fuer manchen Leser...

Negatives:

HoHo hat also endlich einen Roman geschrieben, der polarisiert, ueber den sich diskutieren laesst; und zwar nicht nur ueber das Auftauchen eines gewissen Klonelefanten oder eines seltsamen Symbionten der Woche.

Was er aber nicht geschrieben hat, ist ein Agentenroman mit Hand und Fuss. Die rechte Buergergarde und die ...gelenkte... Sekte als gar nicht so voneinander unterschiedliche Entwicklungen, das hatte durchaus Potenzial und war bei weitem interessanter als die Vorgaengerromane zum gleichen Thema.

Die Beschreibung des Agenten-Alltags und die Arbeit ebendieser Agenten wiederum war dann doch wieder von der gewohnten Naivitaet.

Da haben wir den allmaechtigen Chef, Residor, Herr ueber wieviele TLD-Agenten: Millionen? Der sich ausgerechnet vor allem um unsere drei Helden kuemmert, die in keiner Phase den Eindruck machen, als seien sie uebermaessig kompetent, erfolgreich oder ungebuehrlich intelligent.

Die im Gegenteil stark traumatisiert und untauglich wirken. Eine recht stark religioes motivierte und denkende Agentin, der vermutlich der notwendige Abstand, die Distanz, zur Gon-Orbhon-Arbeit fehlt. Eine Spruecheklopfender Atheist mit Hang zur radikalem Denken, eigentlich zu sehr dem vermuteten Gedankengut der Buegergarde verhaftet, als dass man ihn auf sie einsetzen duerfte. Und deren Gruppenleiter, ein Mann von fast tadellosem Ruf und Verhalten, der lediglich vor vielen Jahren nur im letzten Moment daran gehindert werden konnte, Lynchjustiz am vermuteten Schuldigen am Tod seiner Frau zu ueben. Was ihm damals sicherlich ein strenges "Tss, tss" vom Chef Residor einbrachte, "so was tut man nicht. Mach das ja nicht wieder." Der TLD scheint aeusserst knapp an Personal zu sein, wenn dieser Mann weiter im aktiven Dienst belassen wird.

Ein Schiff mit extrem kostbarer Ladung erreicht das Solsystem. Residor schickt unsere drei Helden aus, fuer eine sichere Ankunft zu sorgen. Anscheinend in der Hoffnung, dass alleine deren Ankunft jeden potenziellen Saboteur an Bord sofort zum Knieschlottern bringt und zum Einstellen aller Sabotage- Gedanken.

Ueber Transportschiffe, die anscheinend mit leeren Lagerraeumen von Stern zu Stern fliegen, vorausgeschickte Space-Jets und dem Nicht-Wissen der Weganer ueber Gon-Orbhon will ich nicht weiter spekulieren.

Obwohl der Anschlag letztendlich doch stattfindet, werden die drei Staragenten unverzueglich auf die sich bildende Buergergarde angesetzt. Recht problemlos erhalten sie ihre vergebliche Audienz bei Carlosch Imberlock, dem Prediger des ungnaedigen Gottes Gon-Orbhon. Mondra Diamond scheint verdientermassen von dem Fall mittlerweile wieder abgesetzt worden zu sein, denn sie wird nicht einmal erwaehnt.

Und obwohl die LFT-Fuehrung weiterhin keine konkreten Beweise gegen die Sekte hat, sie rechtlich weder verbieten, einbremsen oder aufhalten kann, klingt es im anscheinend offiziellen Sprachgebrauch der TLD ganz anders. Denn da wird ganz offen immer wieder von den G-O Attentaetern gesprochen, da muessen Schiffe vor der G-O-Sekte geschuetzt werden, etc. Das bei diesem Sprachgebrauch die Oeffentlichkeit der aktive Taten versprechenden Buergergarde Sympathien entgegenbringt, darf nicht wundern.

Auf eine Art und Weise, die James Bond gerecht ist, infiltrieren die drei Helden die Buergergarde. Naemlich innerhalb weniger Handlungssequenzen/Absaetzen. Und unabhaengig voneinander dringen sie zum geheimnisvollen Anfuehrer vor. Der einen gar seltsamen Plan ausgeheckt hat, die _gesamte_ Sekte mit einem Schlag auszurotten.

Ein erster Anschlag auf den Tempel der Sekte soll alle Juenger an diesem tatort versammeln. Woraufhin der zweite Anschlag das ganze Stadtviertel vernichten soll. Tausende Opfer, ein ungeheures Massaker, waeren die Folge.

Hmm, hier beginne ich ein wenig zu gruebeln. Seit Monaten waechst die Zahl die G-O Juenger. In vielen Heften wurde der Eindruck erweckt, dass nicht unbetraechtliche Teile der terranischen Bevoelkerung bereits betroffen sind. Auch wenn keine genauen Zahlen genannt wurden, von exponentiellen Rekrutierungssteigerungen die Rede war, so haette ich mir da doch eine Zahl vorgstellt, die in die hunderte Millionen geht.

1000, 10000 oder 100000 Sektierer, das sollte fuer die LFT trotz HI nicht wirklich ein grosses Problem sein. Aber wenn ein vorgeblich faehiger Garde-Anfuehrer meint, nahezu alle Sektierer in _einem_ Stadtteil versammeln zu koennen, dann duerfte es sich dabei tatsaechlich nicht mehr als um die oben geschaetzte Zahl handeln. Dazu noch die Aussage von den tausenden Opfern...

Natuerlich werden uns Lesern immer wieder Informationen vorenthalten, um die Handlung als solche spannender aussehen zu lassen. Aber manchmal, nein, meisten, ist das ein doch kontraproduktiver, unfairer, billiger Trick. Haben ein Curtis, ein Adams, Residor denn tatsaechlich keine ungefaehren Zahlen zur Hand? Wohl kaum. Die Handlung soll so lange wie moeglich moeglichst "offen" bleiben. Was sie dabei bleibt, das ist dann eher konfus, verwirrend, nichtssagend, beliebig, naiv.

Bleibt noch die grosse ueberraschende Aufklaerung: der geheimnisvolle unbekannte Anfuehrer ist ein guter Bekannter von zwei unser drei Helden, deren ehemalige Kommandantin. Die immer wieder erwaehnt wurde, aber nie auftreten durfte. Ueberraschend? Nein, denn die Ueberraschung wurde ja, von den Lesern erwartet. Ein stets getarnter Unbekannter, dessen Tarnung weniger seinen Umfeld sondern eben den Lesern galt. Also eine bekannte Figur aus dem Roman. Der nicht gerade durch uebermaessig viele relevante Handelnde glaenzte. Da haette es mich etwa ab Heftmitte sehr gewundert, wenn _nicht_ die geheimnisvolle Ex-Kollegin enttarnt worden waere.

Was die Rekrutierungsbueros des TLD noch mehr unfaehig erscheinen laesst. Vier von vier Agenten, die alles andere als unproblematisch angesehen werden muessen. Ein Saboteur koennte kein besseres Ergebnis erzielen. Eine giftgeifernde Attentaeterin, die sich anscheinend jahrzehntelang verstellen konnte, alle psychologischen Gutachten meisterte (oder gibt es im Schlaraffenland LFT so etwas nicht mehr?), und die dann ausgerechnet von ihren alten Kollegen gestellt wird, die sie also in vielen Jahren falsch eingeschaetzt hat?

Aus diesem Stoff lassen sich wohl tatsaechlich James-Bond Drehbuecher schreiben. Funktionierende und spannende Agentengeschichten allerdings kaum.

Fazit:

Daumen hoch fuer trotz vieler Probleme einen angenehmen Aufwaertstrend bei HoHo. Vermutlich haette ich den Roman insgesamt weit gnaediger beurteilt, stuende nicht das von mir gehasste Sektenthema im Mittelpunkt. Daumen weit runter fuer die Agentenhandlung und die Handlungsebene.

Rudolf

Nachdem der Roman nicht mehr gerade "aktuell" ist, wollte ich mich diesmal kuerzer als gewohnt halten, was jedoch keinesfalls als richtungsweisender Praezedenzfall angesehen werden sollte. ;-) Ich wollte... Aber das war tatsaechlich ein Roman, ueber den es viel zu sagen gibt.

Was man wiederum so oder so sehen kann... ;-)

 

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Dieses Visier wurde verfasst von Rudolf Thiess

Die aktuelle Version wurde am 22. July 2006 in die Datenbank eingepflegt

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