Im Visier 2231

Zugrunde liegender Roman: Ernst Vclek - Der Klang des Lebens

Plot | Teil 2 | Rezension

Vorbemerkungen und Plot

Plot:

Perry Rhodan weigert sich, einem bedauernswerten Monster, das nur
noch auf einem einzigen unwirtlichen Planeten in den Weiten des
Sternenozeans Jamondi endemisch ist, bei der Erschaffung einer
kuescheligen Braut fuer lange, kalte Winterabende behilflich zu
sein.


(Soviel zur oft proklamierten weltoffenen, unvoreingenommenen,
kosmischen Sichtweise des angeblichen Erben des Universums und
(Alp-?)Traums aller Schwiegermuetter. Offen bleibt auch, nach
welchem jamondischen Recht der Terraner ueberhaupt den Tod des
Monsters planen darf, bzw. dessen als Zivileinrichtung geltendes
"Nest" ohne Vorwarnung mit Waffengewalt zerstoeren darf? Da es sich
um das letzte/einzige Monster seiner Art handelt, sollte der
Terraner demnaechst wegen versuchten Genozid vor Gericht stehen. Als
Mindeststrafe scheint die Mitwirkung in der demnaechst geplanten
Verfilmung seines Lebens angemessen zu sein.)

Waehrend Ed Fagan bereits mit einer Musteranklage im Koffer an den
Tatort reist, und unser bedauernswertes Monster, ein entferntes Neffe
des Grafen Dracula, seine Wunden lecken wuerde, wenn seine weniger
fabel- als eher nebelhafte physische Beschaffenheit das zulassen
wuerde, haben wir ein paar Augenblicke Zeit, um ein ganz klein wenig
abzuschweifen.

Lassen wir Vanidag, geborenes Hrdlicka, in Ruhe ein paar weniger
wichtige Motana ausschluerfen (es zeugt nicht von Hoeflichkeit, beim
Essen zuzuschauen), und wenden wir uns lieber der Vorgeschichte der
Geschichte zu:

Woher kam Vanidag eigentlich? Wie wurde es gecastet? Woher kommen
eigentlich all die seltsamen und durchgedrehten oder gelegentlich
auch heldenhaften Figuren, die PR ein Stueck seines Weges begleiten
duerfen?

Dazu die heutige Folge von "Wer dreimal luegt!".

(Vier Geschichten werden vorgestellt. Drei davon sind erlogen und
erstunken. Eine entspricht hundertprozentig der Wahrheit. Es liegt an
ihnen, liebes Publikum, diese eine wahre Geschichte herauszufinden.)


(*1*)

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Tei 2

Anzeige im Rastaetter Abendblatt:

Monstroeses Angebot! Internationales, preisgekroentes
Starmonster sucht Starregisseur oder Bestsellerautor
zwecks Zusammenarbeit. Unterbringung in Luxushoehle,
Chauffeur und taegliches Jungfrauenopfer nicht verhandelbar.
Nur serioese und hochdotierte Angebote. (Arthouse-Kino
bzw. E-Literatur) - Chiffre 666!


Zwei Wochen spaeter:

Der Grosse Vanidag, das schrecklichste Monster fast aller
Zeiten, sucht lukrativen Vertrag mit renommierten
Produzenten oder Autor zwecks Mitwirkung in A-Movie
oder Hardcover-Buchschocker. (Keine TV-Projekte, keine
TBs!) - Chiffre 666!


Eine Woche spaeter:

Tschechisches Starmonster, bekannt aus Pan Tau und vielen
anderen Produktionen, sucht dringend ein gutes Angebot
aus Film, Fernsehen oder Verlagswesen. First Billing
bei allen Filmprojekten, bzw. Namensnennung am Titelbild
bei Buchveroeffentlichungen. - Chiffre 666


Eine weitere Woche spaeter:

Blutgieriges Monster mit sehr guten Deutschkenntnissen sucht
bezahlte Arbeit bei oertlichem Auftraggeber. Feuerspeien,
Kettenrasseln, Blutsaugen und Koepfeabbeissen im Repertoire
enthalten. Doubelte bereits Godzilla, Hannibal, 5000 Orks,
Elliot das Schmunzelmonster und einen bekannten nationalen
Politiker. Resistent gegen Weihwasser, Knoblauch, Messerstiche
und Holzpfloecke. Bekannt und beliebt fuer effektvolles
Koerperaussaugen (auf Wunsch auch in einer FSK12 Version).
Auflistung in den Endcredits bzw. im Dramatis personae
Kasten erwuenscht. - Angebote unter Chiffe 665


5 Tage spaeter:

Arbeitsloses Monster sucht nach ueberraschender Streichung
des Arbeitslosengeldes und zu langer zu kalorienarmer Kost
aus Essensmarken und vergilbter Fanpost Beschaeftigung im
Monster-Biz. Aufgrund einer schmerzhaften Halsentzuendung
zur Zeit kein Feuerspeien moeglich, alle anderen Monster-
utensilien wie Werwolfmetamorphosen und Koerperaussaugungen
stehen selbstverstaendlich uneingeschraenkt zur Verfuegung.
Referenzen von Jason Dark, Dan Shocker, Wolfgang Hohlbein
und Dieter Bohlen liegen vor. Zeitweilig auftretende Allergie
auf Schmutz... [*]

- Chiffre 664


[*] Die Anzeige, 99 Cent pro Wort, brach hier ab. Wie sich
spaeter herausstellte, handelte es sich bei "Schmutz" um
einen Schreibfehler. Richtig gewesen waere: "Schutzherren".

Wenige Wochen spaeter entdeckte PR-Mastermind RF die Anzeige
beim Wechseln der Streu in seinem Hamsterkaefig, in dem
zur Zeit das in Ungnade gefallene Verlagsmaskottchen Norman
Unterschlupf gefunden hatte, und gab sie mit ein paar
klitzekleinen schriftlichen Bermerkungen versehen an seinen
Kollegen EV weiter.


(*2*)

Monsterschatz (mit Joerg Palaver):

"Und wie immer kommt erst einmal die Zusammenfassung
unserer Susi, diesmal aber nicht die Mueller sondern die
Schwartz..."

"So, lieber Ernst, jetzt musst Du Dich entscheiden; wer
soll dein Monsterschatz sein?

Kandidat Eins, der als Liebesbeweis nur fuer dich alleine gerne mal
in der Noergler-Gemeinde eine kleine Brettljause deiner 'liebsten'
Kritikern schluerfen wuerde, der heimlich im Nebel mit grossen
Puppen spielt, schon mal eine Bruchlandung baut und gerade ein
erfrischendes und langes Nickerchen hinter sich gebracht hat, und
der vor vielen Jahren, weil er jung war und das Geld brauchte, auch
schon mal die Biene Maja besang.

Oder Kandidat Zwei, der alles tun wuerde, um an ein Glas Gurken zu
kommen, der im australischen Dschungel aufgrund der zum Verwechseln
aehnlichen Singstimme bei einem lustigen Spiel mit einem
vielbeinigen Insekt verwechselt wurde und dort viele Monde in einem
nicht artgerechten, voellig ueberfuellten Glasterrarium in der
furchtbaren Panik lebte, von einer auf den Geschmack gekommenen
urigen bayrischen Kabarettistin aufgefressen zu werden, bis einem
aufmerksamen Fan in der Heimat der unglueckselige Austausch auffiel.

Oder Kandidat Drei auf seinem feuerfesten, strukturverhaerteten
Spezialstuhl, der gerade an einem noergelnden Zuschauer aus der
ersten Reihe kaut, der viele Jahre lang gluecklich und zufrieden das
ferne Tokio niedertrampelte, bis ein Sindelfinger Zweitverwerter ihn
nach New York verschleppte und dort im Regen aussetzte. Selbst in
der schlimmsten Eiszeit wuerde er es dir mit seinem nur leicht
radioaktiven Feueratem schoen heiss und kuschelig machen, wenn du
ihm nur ein klein wenig Platz auf deiner Wohnzimmercoach goennen
wuerdest.

Nun Ernst, wer soll mit dem Monsterschatzhubschrauber in dein
Manuskript gebracht werden?"


Nachdem die Erstwahl weder im Hubschrauber noch im Manuskript Platz
fand und die Zweitwahl nach Anstimmen eines Triumphgesanges auf
raetselhafte Weise ins All levitiert wurde, entschied der
Angesprochene sich zuversichtlich und frohen Mutes fuer Kandidat
Eins.


(*3*)

Der Schreibtisch:

Ein Mann sitzt schweigend an seinem Birnbaumholz-Schreibtisch. Ein
angebissener Krapfen (mit Vanillefuellung) liegt auf einem Stapel
beschriebener und durchgestrichener Manuskriptseiten und wartet
darauf, irgendwann einmal zum Leben zu erwachen. Seufzend tunkt der
Mann ein Kipferl in seine kalt gewordene Melange und kaut daran. Der
Bildschirm seines Laptops hat sich eben in den Stromspar-Modus
geschaltet. Quaelend langsam tickt eine alte Wanduhr viel zu laut
im Hintergrund. Stunden vergehen, vielleicht sind es auch nur
Minuten oder gar nur Sekunden.

Sein Blick faellt auf einen Kalender mit elegischen Herbstbildern.
Ein Datum ist rot unterstrichen, zweimal durchgestrichen, in zwei
Farben eingekreist und mit einer grossen Stecknadel markiert. Das
Datum ist erschreckend nahe. Und mit jedem Atemzug kommt es noch
naeher. Vielleicht ist das der Grund, dass der einsame und
alleingelassene Mann nur verhalten atmet und jeden dieser Atemzuege
unueblich lange auszudehnen scheint. An der Wand haengt eingerahmt
das Bild eines freundlich laechelnden Mannes. Mehrere Dartpfeile
stecken in der Nase des Mannes. Im unteren Drittel des Bildes steht
in einer schwungvollen Handschrift voller ungebremsten Elan: "Meinem
liebsten Autoren gewidmet, als staendige Erinnerung... an meine
Dankbarkeit fuer all die wunderbaren Manuskripte."

Das Festnetztelefon ist aus der Steckdose gerissen, ein nicht mehr
ganz neues Handy liegt zerlegt neben dem Laptop, der Akku sieht aus,
als haette ihn jemand mit einem Hammer bearbeitet.

Der Mann fuehlt sich an wie ausgesaugt, ganz leer und kraftlos.
Schweigend beobachtet er eine fette Spinne, die sich ganz oben an
einem vollen Buecherregal ihr Netz gesponnen hat und gerade
genussvoll eine betaeubte Fliege ausschluerft.

Am Boden liegt eine ramponierte, einbandagierte Puppe, die wohl eines
der Enkelkinder recht ungeschickt vor den Geschwistern verstecken
oder dem Muellcontainer retten wollte.

Durch das Fenster hoert der Mann das Gezanke eines Paerchens. Nach
einer Weile scheinen sie sich wieder zu versoehnen. Eine Gasse weiter
kommt eine Strassenbahn laut bimmelnd zu einem Notstopp. Das
Quietschen der blockierenden Raeder schmerzt in den Ohren, ein paar
Passagiere haben kurz aufgeschrien.

Danach ist es wieder ruhig. Der Mann ueberlegt noch immer. Ploetzlich
beginnt er zu schreiben, zuerst langsam, dann immer schneller...


(*4*)

Der Monsterwahlkampf:

Wir befinden uns in einem fernen Land, in dem Politiker aufgrund
fachlicher Kompetenz angestellt und die fuer den Tourismus so
notwendigen Monster fuer jeweils ein Jahr vom Volk gewaehlt werden.
Zusammen mit einem reisenden Mythenschoepfer wollen wir einmal die
Werbekampagnen und Plakate der wahlwerbenden Monster betrachten:


*** Schuetzt die Heimat vor auslaendischen Billigmonstern ***

*** Kein Beitritt neuseelaendischer Orks in unsere
Monsterunion ***

*** Wer wenn nicht Werwolf? ***

*** Mehr Hiern! Mehr Hiern! Mehr Hiern! ***

*** Monstertum braucht Blut! ***

*** Ein Herz und ein ordentliches Begraebnis fuer Zombies ***

*** Frisches Blut braucht das Land. Rhesusfaktor positiv. ***

*** Wir leben! Wir leben! Wir leben! ***

*** Jungfrauen fuer Drago! Wen sonst? ***

*** Igor vor! Der Vertreter des kleinen Monsters! ***

*** Jung, dynamisch, mordluesternd ***

*** Spuken muss sich endlich wieder lohnen ***

*** Gerechtigkeit fuer Psychopathen ***

*** Hiebe statt Liebe ***

*** Massenmoerder aller Laender, vereinigt euch ***


Waehrend das Land in heilsamen Aufruhr ist, der Wahlkampf sich seinem
Finale naehert, taeglich Jungfrauen geopfert werden, Teenager
unmittelbar nach ihren ersten sexuellen Erfahrungen gemeuchelt werden,
die Geklonte Hexengilde einem grossen Wahlsieg entgegensieht,
Internet-Nerds einem seltsamen Virus, der nur hochfrequente
Noergelzentren im Gehirn angreift, zum Opfer fallen, lauert einsam und
verlassen ein kleines Nebelmonster unter dem Fenstersims eines
zugesperrten Greisslers fuer technischen Schnickschnack. Jahrelange
Vernachlaessigung haben es schrumpfen und schwach werden lassen.
Ohnmaechtig hat es zu lange mitansehen muessen, wie selbst simple
moederische Zoellner und schiesswuetige Polizisten im untersten
Dienstrang die Wahlen zum Monster des Jahren gewannen, hilflos ballt
es seine Nebelhaende, schluerft altersschwache Passanten aus, weil es
nicht mehr die Kraft hat, manchmal vorbei- huschende Drachentoeter und
Siebenkluge anzufallen, die alleine die notwendige Publicity und
Titelblaetter auf den Boulevard-Zeitungen bringen wuerden.

Voller Mitleid bueckt unser Reisender sich. Er nimmt sich vor, dem
kleinen zitternden Monster eine Heimat zu schreiben, und wenn es das
letzte ist, was er fuer lange Zeit tun wird...


************************


*1*, *2*, *3* oder *4*, wie kommen also unsere allseits beliebten
Ungeheuer ins idyllische Reich jodelnder Waldelfen?

Dem gluecklichen und richtigen Rater winkt ein kostenloser und
unbefristeter Aufenthalt in einem verwaisten Nashorntigerkaefig im Zoo
von Terrania. Bei mehreren richtigen Einsendungen entscheidet je nach
Verfuegbarkeit das Fallbeil oder die Tagesverfassung des
Fragenstellers.

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Rezension

Positives:

Ein Monsterroman, ja, aber einer der "besseren" Sorte. Bei dem das
Monster mehr als nur ein bisschen Staffage ist und in regelmaessigen
Abstaenden fuer ein wenig Blut und Aufregung und kreischende Frauen
und zu Hilfe eilende Helden sorgt.

Ein Monster mit Innenleben, sogar mit einer nachvollziehbaren
Motivation, mit einem Ziel, sogar mit ein wenig Furcht vor den
vermeintlichen Schutzherren.

Ein Monster, das womoeglich kein Monster der Woche ist, das
vielleicht noch an der einen oder anderen kommenden Entscheidung in
Jamondi beteiligt sein koennte. (Falls diesbezuegliche Plaene mit dem
Abschied EVs nicht ebenfalls hinfaellig geworden sind.)

Ein Monster, das nicht langweilt, mit dem man streckenweise sogar ein
wenig mitfuehlt, fuer das man Sympathien entwickeln kann.

Dazu kommt ein Titelheld Perry Rhodan, der, nachdem er zumindest drei
Wochen lang nur dekorativ im Hintergrund stand und zusah, was um ihn
herum so vorging, wieder eine aktivere Rolle einnimmt, der sich dem
Monster stellt, wenn auch spuerbar mit dem sicheren Wissen, dass
sein Vertrag mit Feldhoff und Frick bereits verlaengert wurde und
ihm daher nichts geschehen kann.

Selbst die als Opfer auserkorenen Motana, trotz fehlender roter
Uniformen vorhersehbar als solche zu erkennen, duerfen mit mehr als
nur ihren Namen zum Roman beitragen, haben ihre eigenen kleinen
Geschichten und Schicksale, duerfen Gespraeche jenseits von Schreien
und Ausrufungs- zeichen fuehren.


Neutrales:

Besonders originell sind furchterregende Monster, die auf verlassenen
Planeten lauern und die Mannschaft eines gelandeten Schiffes
dezimieren ja nicht gerade. Und mir ist fast so, als waere dieses
Sujet auch in der PR-Serie schon das eine oder andere Mal verwendet
worden. ;-)

Ein wenig schade ist es, dass Ernst Vlcek fuer seinen letzten Roman
als Teamautor nicht mehr Freiheiten hatte, vielleicht sogar einen
Roman ausserhalb der turnusmaessigen Handlungsbloecke schreiben
durfte. Ich hatte einige Male das Gefuehl, dass die konventionelle
Monsterhatzvorlage ihn einengte und manche Szenen dadurch lustlos
wirkten.

Sein erster Roman, der mir damals beim Lesen _wirklich_ auffiel, der
sich unerwartet und deutlich abhob, das war die Nummer 803, "Die
Staette der Vergessenen". Kein fuer den Bardioc-Zyklus wichtiges
Heft, aber eines, das irgendwie aus der Reihe tanzte. Was man von
2231 nicht unbedingt behaupten kann. Es fehlte die Ueberraschung, was
bei einem "unverschleierten" Monsterroman natuerlich auch nicht
besonders ueberraschend ist.


Wenig gelungen, aber weil offensichtlich vom Expose vorgegeben, hier
unter "Neutrales" und nicht unter "Negatives" erwaehnt, ist die
seltsamen hormonellen Schwankungen unterworfene Beziehung zwischen
Atlan und Zephyda. Wobei diese Hormonschwankungen von Atlan und
nicht seiner Angebetenen ausgehen.

Unsterblicher Arkonide trifft zum zig-sten Mal ein Maedel, das wieder
mal zur Liebe seines Lebens wird. Ein paar Blicke spaeter sind sie
ein Paar und vertreiben sich die Zeit in zahllosen Jurten und Zelten
und Burgen und Baumhuetten des Sternenozeans. Soweit sogut. Dann
setzt aus nie ganz geklaerten und schwer verstaendlichen Gruenden
beim Lebemann Atlan das Grosse Gruebeln und Denken ein. Ein
Unsterblicher und eine Sterbliche! Das kann nicht gut gehen. Musste
der Arkonide denn tatsaechlich zweimal zehntausend Jahre alt werden,
um mal die Musse zu finden, sich diesbezuegliche Gedanken zu machen?

Oder waren es die vielen Waldspaziergaenge, Segeltouren, Zugsfahrten,
Chorstunden und Schimmstunden im Meer, die ihm erstmals in diesem
Leben ausreichend Zeit abseits von Raumschlachten, Duellen und
politischer Entscheidungen gaben, sich und seine Beziehung zu Gott
und Welt und am Waldrand stehenden Frauen zu ueberdenken?

Unsterbliche Partnerinnen gibt es fuer den Charmeur halt nicht viel
im Perryversum, die wenigen werden von ihm selbst umgebracht oder
halten sich lieber an den besser bezahlten (?) Residenten der LFT.

Und kaum hat unser Atlan die bittere, notwendige, richtige
Entscheidung getroffen, und deswegen ein wenig gelitten, da kehrt er
reumuetig an den Schoss seiner Zephyda zurueck?

Tut mir leid, das halte ich gerade im Fall des uralten Atlans fuer an
den Haaren herbeigezogen. Das war eine eher billige Effekthascherei
in der Handlungsfuehrung, um es ein wenig "menscheln" zu lassen. Um
Atlan liebeskranken Teenagern naeher zu bringen?

Nach dem Alzheimer-Atlan der letzten Jahre jetzt der schmachtende,
liebeskranke spaetpubertierende Atlan? Das haette besser zu Kantiran
gepasst.


Negatives:

Auch ein scheidender Autor soll nicht verschont bleiben. Ein paar
Dinge gibt es schon, die ihm bei seinem letzten regulaeren PR-Roman
(m.E.) nicht uebermaessig gut gelungen sind.

Seit einiger Zeit faellt es mir auf, wie gerne und oft fast alle
Autoren ihre Romane durch moeglichst auffaellige und vielfaeltige
Perspektivenwechsel "originell" machen wollen. Kein altmodisches
Erzaehlen in der dritten oder ersten Person, sondern ein oft recht
willkuerliches Wechseln des Point-of-View Charakters und der dabei
verwendeten Person sind angesagt. Wobei (endlich) auch die zweite
Person, das kameradschaftliche "Du" entdeckt wurde.

(Wobei ich Erzaehlungen in der zweiten Person durchaus zu schaetzen
weiss, und die Form nur in laengeren Texten, also Romanen, als nicht
sehr leserfreundlich empfinde.)

Vielleicht um die oft recht schlichte und manchmal leider auch
inhaltslose Handlung zu verschleiern, macht sich fast inflationaer
ein stilistisches Mischmasch in zu vielen Romane breit. Richtig und
vor allem dosiert eingesetzt kann das zu sehr guten und gelungenen
Romanen fuehren. Aber es ist nicht automatisch ein Zeichen von
"besserem" Stil, von Literatur und von Tiefe/Tiefgang.

Dass das Nebelmonster Vanidag in der Ich-Form aus seiner Sicht
berichten durfte, war durchaus passend und verstaendlich, ein Fall,
wo Perspektivenwechsel in einem Roman fuer mich richtig eingesetzt
sind.

Aber warum und wozu gab es die kurze Schmachtszene Atlans gleich zu
Beginn in der zweiten Person? Ich glaube dem Ernst ja, dass er diese
Form beherrscht, dass muss er nicht auf einer knappen Seite beweisen.
Die dann im weiteren Roman keine Fortsetzung findet, irgendwie als
Fremdkoerper im Manuskript isoliert bleibt. Denn der Abschluss von
Atlans Schmachterei, die Rueckkehr zu Frau und Herd wird ganz
ordinaer in der dritten Person zu Ende erzaehlt.


Ein wenig verwirrend geschildert war das demolierte Raumschiffswrack
inmitten der Bionischen Kreuzer. Der Absturz erfolgte also, _nachdem_
die Kreuzer bereits gelandet werden. Aufgrund ihrer Schutzschirme
blieben sie dabei geschuetzt und unversehrt. Trotzdem sollten sie
doch im entstandenen Krater ihren Halt und ihre Position verloren
haben? Nach Ausschalten der Schutzschirme abgerutscht sein, sich
ueberschlagen haben, oder was auch immer? (Oder habe ich die
entsprechenden Aussagen im Heft inzwischen verdraengt?)

Eine nicht erfuellte Erwartung war es, als Atlans Vorstoss in das
Wrack _nicht_ beschrieben wurde. Das ist erklaerbar, weil das zu
keinen neuen Erkenntnissen fuehrte und es zu keinen Vorfallen kam,
aber obwohl ich "ueberraschende" Abwandlungen von einem
Standardhandlungsbogen meist sehr gerne mag, war ich hier
enttaeuscht.


Weil am Roman fuer sich betrachtet recht wenig auszusetzen ist, hier
noch ein letzter ebenfalls subjektiv zu bewertender "Einwurf": die
lustlos anmutenden Szenen, die ich schon erwaehnte. Als haette EV der
Aufbau, die Figuren und der Ablauf des Romans mehr interessiert als
die tatsaechliche Ausarbeitung. Sodass einige Male fuer mich seltsame
Ausdrucks-"Konstruktionen" im Manuskript stehen blieben.

Da heisst es z.B. auf Seite 36: "...kann nicht mehr klar denken...
ich... ich werde ausgesaugt..." Was immer man sich darunter auch
vorzustellen hat, ich kann mir schwer vorstellen, dass ein gerade
"Ausgesaugter" zu dieser Formulierung kommt.

Und nur wenige Zeilen weiter folgert die Motana-Kommandantin der
angegriffenen Schiffe: "Irgendeine Kraft, die sich nun daranmacht,
uns zu meucheln." Nachdem die Motana, von ihren Choraelen
abgesehen, bisher nicht unter Verwendung einer gestelzten, ein wenig
altmodisch wirkenden Sprechweise geschildert wurden, war es bei mir
vor allem die Ernsthaftigkeit der Szene, die gemeuchelt wurde.

Dieser kurze Rueckblick im Roman haette doch noch ein wenig
Feinschliff vertragen.

Weniger subjektiv sind ein paar Merkwuerdigkeiten in der
Handlungslogik:

Warum starten die Motana nur mit einer Minimalbesatzung (die, neben
gesagt, nach dem Tod drei Saengerinnen dann doch keine solche war)?
Warum gehen PR und Atlan dieses eigentlich unnoetige Risiko ein? An
Bord des Schiffes ist mehr als genug Platz, um eine zweite oder
dritte Motana-Mannschaft aufzunehmen. Die zwar nicht ausgebildet
waeren, aber genauso wie von der zurueckgebliebenen Aicha auf dem
Planeten von Zephyda in eventuellen Ruhezeiten hatten unterrichtet
werden koennen.

Im schlimmsten Fall, solange zumindest die Epha-Motana nicht
ausfaellt, waere der Bionische Kreuzer eine zeitlang am Zielort
gestrandet gewesen. Bis die Ausbildung der Ersatzmannschaft einen
neuen Start erlaubt haette.

Nachdem wir (Leser) wissen, dass PR und Atlan nicht fuer den Rest
ihres Lebens irgendwo in Jamondi stranden werden, haette das
Mitfuehren von Ersatzmannschaften das Spannungsmoment des Romans
nicht oder kaum beeintraechtigt.

Warum konnte der Vanidag der Handlungsgegenwart anscheinend immer nur
einzelne Personen attackieren? Musste sich um PR kuemmern und konnte
daher nicht gleichzeitig zum eigentlichen Ziel Kereate vordringen? Im
Rueckblick auf das Massaker an den Besatzungen der 60 BK konnte er
scheinbar jeweils gesamte Mannschaften oder gar mehrere auf einmal
angreifen und "aussagen". (Ansonsten waere zumindest einigen der
Schiffe die Flucht doch gelungen. Das waren ausgebildete, trainierte
Motana. Wenn Zephyda mit einem reduzierten Chor die Heimreise
antreten kann, sollten das die "alten" Motana auch schaffen.


Interessant:

Karel heisst also Gott. Dann muessen wir den Kuenstlernamen des
Biene-Maja Barden Karel Gott doch mit "Gott Gott" uebersetzen? ;-)


Fazit:

Das war sie also, Ernst Vlceks Zeit als PR-Stammautor. Ich haette ihn
gerne weiter im Team gesehen. Auch wenn ich seit Tradom keinen seiner
Romane zu seinen Besten zaehle, ist er am inoffiziellen (von mir
gestellten und bewerteten ;-) ) Anspruch, einen solchen zu
schreiben, meist nur knapp gescheitert.

Seinen Gastromanen sehe ich jedenfalls guter Dinge und erwartungsvoll
entgegen. Vielleicht tischt er uns ja doch noch einen "neuen" Niki
St.Pidgin auf, oder einen Kershyll Vanne?

 

Metadaten

Dieses Visier wurde verfasst von Rudolf Thiess

Die aktuelle Version wurde am 23. July 2006 in die Datenbank eingepflegt

Dieses Visier wurde 4162 mal aufgerufen.

 

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