Im Visier 2225

Zugrunde liegender Roman: Rainer Castor - Terraner als Faustpfand

Plot | Teil 2 | Rezension

Vorbemerkungen und Plot

Disclaimer: Das folgende geschmacklose Geschreibsel entstammt nur dem kranken, verruchten Gehirn eines einzelnen normangeschaedigten Lesers und entspricht in keinster Weise der Intention oder der Interpretation irgendeines anderen Lesers oder gar Autoren.

Plot: Wir schreiben das Jahr 1332 NGZ. Ganz Hayok ist von den Arkoniden besetzt ... Ganz Hayok? Nein! Ein von unbeugsamen LFT-Agenten bevölkerter SPEICHER hört nicht auf, den Besatzern Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht fuer die arkonidischen Legionaere unter Ascari, Kraschyn und Shallowain...

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Tei 2

Die Hauptpersonen des Romans:

Guckix: Ein listiger, kleiner Mutant von unbestimmten Alter mit deutlich sichtbarem Zahndefizit.

Tolotix: Guckix' bester Freund, der mitunter erstaunliche Kraefte entwickelt, die nicht von einem Kessel voller Nanos stammen, in den er als kleines Kind angeblich gefallen sein soll.

Eshmalix: Der Haeuptling der unbeugsamen LFTler wird demnaechst wohl eine Entschlackungskur im fernen Avernerland antreten muessen.

Marathix: Solange er nicht mit seinem Schwarzen Zwilling im Duett singt, ist er ein gerne gesehenes und von allen geachtetes Mitglied der unbeugsamen Barbaren.

Bullix: In seiner geheimen Waffenschmiede braut er so manchen Trank und so manche Ruestung zusammen. Leider ist seine goldene Raumsichel durch den erhoehten Hyperluftwiderstand etwas schartig geworden.

Boesemiene: Einst fast die Frau vom Chef sucht sie jetzt nur noch im Zauberspiegel den verlorenen Sohn hinter den sieben Bergen bei den sieben LFTlern.

Normanix: Der treueste Freund der Eingeschlossenen. Leider ist er noch zu klein, um bei diesem Abenteuer mit von der Partie sein zu duerfen.

Da wir es beim vorliegenden Heft mit einem sehr vielschichtigen Roman zu tun haben, waere eine einfache Wiedergabe des Inhaltes den manigfaltigen Bedeutungsebenen gegenueber nicht angemessen.

Loesen wir also die Allegorie "Terraner als Faustpfand" auf.

Was der Metabeobachter gelesen zu haben glaubt: -----------------------------------------------

Im streng geheimen SPEICHER auf Hayok Daeumchen drehende LFT-Patrioten beschaeftigen sich mit Erziehungsmassnahmen, Ameisendressur und der Transzendenz-Werdung von Maulwuerfen. Ungesund blasse Besatzer mit stechenden roten Augen unter der Fuehrung des ungekaemmten Hundes Shallowain ("Nenn mich nicht Doc Brown!") und der Horrorface-Lady Ascari verhoeren den durch zwei umgeschulte Ex-Comedians gefangenen Junkie-Agenten Sonderangebot... aeh Sonderbon. Nachdem er auf dem Bett der Qualen lange genug wundgelegen ist, laesst er sich zu einem kleinen Geheimnisverrat ueberreden.

Woraufhin der Angriff auf die Eingeschlossenen (nein, nicht von Sartre, sondern von Castor) beginnt. Mit piependen Eiern aus arkonidischen Wundertueten, roher Gewalt und der definitiven Ausserdienststellung des gefangenen Sonderbons versuchen die Arkoniden an die Widerstaendler heranzukommen, ohne dass dabei zu grosse Kollateralschaeden an der neu gestrichenen Fassade von Ascaris Mascantenpalast auftreten.

Erst als der "Koeter" der boesen Hexe Ascari tausend Landsleute der Eingeschlossenen niedermetzeln laesst und mit weiteren Opfern droht, oeffnet deren disziplinaerer Vorgesetzter Eshmal die heruntergelassenen, einbruchs- und invasionssicheren Rolllaeden.

Icho der Tolotos geraet in gerechte Rage und drangwaescht sich durch die Fussvolk-Reihen der Angreifer, bis er von Gucky, dem Ex-Plofre, allen PSI-Verbotsschildern zum Trotz in den Pausenraum gebracht wird, wohin sich bald darauf auch die uebrigen wirklich wichtigen (c) Eingeschlossenen zurueckziehen.

Der Rest der nicht ganz so wichtigen Eingeschlossenen unter Eshmal ueberlegt sich die erpresste Kapitulation doch noch einmal und laesst zwar nicht die Rolllaeden wieder hinunter, wehrt sich aber nach dem Absetzen eines Hilfetelegramms mit Haenden, Fuessen, Geschirr, Strahlern und fantasierenden Maulwurfemanationen gegen die feindliche Infanterie.

Inzwischen schraubt nicht allzuweit entfernt Bully, der Grosse, seine vor kurzem etwas durchgeruettelte Flotte wieder zusammen, wechselt ein paar Sicherungen aus, probiert eine neue Oktanmischung aus, haelt zwischendurch motivierende Durchhaltereden und streckt den nicht anwesenden Kosmokraten kurzerhand den Mittelfinger entgegen.

Als der Ausguck die vom SPEICHER abgegebenen Hilfe-Rauchsignale ausmacht, fackelt der alte Haudegen nicht lange, laesst Segel setzen und faehrt in die von kosmischer Windstille befallene Bucht von Hayok ein, wo die arkonidischen Galeeren noch immer nicht auf Ruderbetrieb umgestellt worden sind.

Die Ueberlebenden des SPEICHERs werden gerettet, Ascari, die Nachwuchsmedusa, wird gezwungen, Farbe und Gesicht zu bekennen, Shallowain, der Hund, verkriecht sich vorsichtshalber in einem geheimen Fuchsbau, und Bully kann jetzt endlich daran gehen, nach seinem verschollenen Freund und Boss PR Ausschau zu halten.

Wie der Leser, vornehmlich gewissen elektronischen Medien zugetan, den Roman interpretiert: -----------------------------------

Eine Schar braver, tuechtiger, wohlwollender, sympathischer Leute ist in einem geheimen Versteck eingeschlossen. Zweifelslos stehen diese Belagerten fuer ebenjene Leser, die seit Jahr und Tag nichts zu Lachen haben, die die Okkupation ihres Freizeit-Universums miterleben mussten, die sich schmaehlich von den offiziellen Regierungsstellen im Stich gelassen fuehlen und den guten alten Zeiten des Solaren Imperiums nachtrauern.

Ein Emporkoemmling hat sich am arkonidischen Expose-Thron breitgemacht und faerbt das einstmals stolze und terranische Archipel gnadenlos um. Hunde, Affen und Elefanten bevoelkern die Staedte, ehemalige Helden werden gezwungen zeitlose Schleifen zu tragen, einst sprudelnde und erfrischende Brunnen sind ausgetrocknet, und die interstellaren Treibstoffpreise sind in Hoehen geklettert, die sich kein braves, ordentliches Leseridol mehr leisten kann.

In einer Verzweiflungstat hat sich eine Schar Alpha-Leser einem Zentrum des boesen Verlagsimperiums genaehert, als einer von ihnen unvorsichtig beim Eintritt in ein imperiales Forum seine Personalien bekanntgibt und sofort festgenommen wird. Nach langer Folterung durch psychopathisch angehauchte Exposes und zimtig-suesse Nachwuchskraefte gesteht der nach der vom Markt verschwundenen Droge Wivo suechtige Leser und verraet die Position des NG-Speichers, der letzten Zufluchtstaette.

Mit geballter expokratischer Autorenkraft schlagen die Herren des Perryversum zu. Als der Widerstand der Eingeschlossenen nicht erlahmt, werden tausend unschuldige Zivilleser vorgefuehrt und mit Teletubbies, Plueschnormans und Star Trek Manuskripten niedergemacht. Als auch noch gedroht wird, mehrere fruehere Zyklen ungeschehen zu machen, bricht der Widerstand endlich zusammen.

Waehrend ein paar Raedelsfuehrer entkommen koennen, setzt der Rest den mit hochfrequenten Technobabbel und HTML-Bomben angreifenden Autorkraten noch einmal alles entgegen, was ihnen geblieben ist, um die Niederlage wenigstens hinauszuzoegern.

Auch die Traeume einer in einem Lesetank eingeschlossenen Hardcore- Leserratte sind auf Dauer zu wenig, um den Marketing-Parolen der Maechtigen im Kampf Mann gegen Mann zu widerstehen.

Erst als eine Rettungsflotte vom nahegelegenen NGF-Stuetzpunkt auftaucht, scheint sich das Blatt zu wenden.

Zumindest will der Roman uns das weismachen.

Natuerlich ist dem Wissenden klar, dass das nur die letzte perfide Verdrehung der Tatsachen ist, dass die Maechtigen laengst Gedanken und Erinnerungen der besiegten Leser beeinflussen und ihnen ein kuenstliches, falsches Happy-End vorgaukeln, um sie auf weitere 40 Jahre zufriedenzustellen.

Nicht die Entsatzflotte hat den Kampf gewonnen, sondern die Macht der zweimal Elf. Im ewigen Simusense-Rausch versunken duerfen jene Leser jetzt bis ans Ende ihrer Tage den vermeintlich grossartigen Sieg feiern. Nur manchmal hoert man den einen oder anderen vielleicht in seinem Wohnzimmer-Naehrtank von einem guten, alten Brazil singen, zu dem man irgendwann einmal zurueckkehren koennte.

Es ist nichts weniger als die Utopisierung der Dystopie, die sich da zwischen den letzten Zeilen des Romans verbirgt.

Was der Autor eigentlich schreiben wollte und auf Geheiss seines Redakteurs dann doch verklausulieren musste: --------------------------------------------------

Eine Gruppe braver, tuechtiger, wohlwollender, sympathischer Leute, bewaffnet mit den neuesten High-Tech Federkielen und exotischen Tintenfaessern, ist in einem geheimen Versteck eingeschlossen. Zweifelslos handelt es sich bei dieser verschworenen Gemeinschaft von Individualisten um "unsere" tapferen, tuechtigen Autoren, die seit Jahr und Tag nichts zu Lachen haben, die von feindlichen Scharen wortgewaltbereiter Leser umzingelt sind, die unerbittlich und stur den Belagerungsring immer enger ziehen. Die frueheren Herren des ein wenig ausserhalb der grossen Genregalaxis liegenden Archipels Perryversum mussten bereits miterleben, wie sie sogar von ihrem eigenen Nur-Ganz-Freundlichem Fanclub schmaehlich im Stich gelassen wurden, nur noch wehmuetig erinnern sie sich an die guten alten Zeiten des Solaren Imperiums und seiner vielen Auflagen, und obendrein werden sie noch gezwungen auf diverse wenig stubenreine Haustiere der Oberen Marketing-Manager aufzupassen, diesen sogar ein Asyl zu schreiben.

Mit Piepern genannten E-mail-Bomben und austrocknenden Farbbaendern muessen sie sich ebenso herumschlagen wie mit ebenfalls in den Olymp der Unsterblichen aufgestiegenen Emporkoemmlingen der galaktischen Heftszene, allen voran der omnipraesente Imperator Weinland, der immer mehr leserschaftliche Hoheitsgebiete und Marktanteile fuer sich beansprucht.

Mit dem Singen von Choraelen und dem Errichten grosser Tempeln und dem Verteilen einiger T-Shirts koennen sie sich noch eine zeitlang ueber Wasser halten, aber als ein nikotinsuechtiger Kollege am Weg zum naechsten Drogen-Automaten vom Feind enttarnt wird und mit dem Vorlesen von George Lucas Drehbuechern gefoltert wird, verraet er das Versteck.

Der Namenslose Gegner genannte Auftragsboesewicht der feindlichen Leserscharen laesst skrupellos tausend der besten Manuskripte der Eingeschlossenen aufstapeln und zuendet sie vor deren entsetzten Augen an. Ein Rettungsversuch des seinen auf alle je geschriebenen Geschichten ausgerichteten Muttergefuehls nachgebenden Plandenkers RoFes scheitert. Als der Namenlose Gegner auch noch droht, die einzigartigen Exposes fuer die naechsten beiden Zyklen zu vernichten, kapituliert der alle jemals geschriebenen Manuskripte an ihrem Geschmack erkennende Oberredakteur Frikla, stellt die Druckerpresse ab und oeffnet seine Schreibtischlaeden. Ruft dann aber mit einem finalen Aufbaeumen doch zum letzten Widerstand Autor gegen Leser auf.

Waehrend gar grausame Kaempfe toben, kommt im letzten Moment der Herr der Statistikabteilung mit den letzten Leserzahlen zu Hilfe. In Zeiten allgemeinen Leserschwundes, ausgeloest durch irgendwelche universelle Aenderungen des Freizeitverhaltens, sind diese allem, was die Konkurrenz und die versammelte Schar Noergelleser aufzubieten hat, doch noch weit ueberlegen.

Auch wenn das Flaggschiff STERNENOZEAN ein paar PS weniger hat als seine Vorgaenger und ein wenig klobig zusammengepuzzelt ausschaut, ist es die staerkste Waffe im bekannten Hinterhofareal, auf den sich die Kaempfe neuerdings zu beschraenken haben.

Ein Schandfrieden wird geschlossen, die haesslichsten Leser werden gezwungen, ihre Masken fallen zu lassen, nur der Oberschurke, der keine Skrupel zu kennen scheint, kann im letzten Moment entkommen und wird wohl nicht aufhoeren, Unruhe zu stiften.

Die ueberlebenden Autoren aber koennen zumindest vorerst daran gehen, sich auf die Suche nach dem verschollenen Plot und den verlorengegangenen Lesern zu machen.

Und wenn sie nicht falsch abgebogen sind, dann suchen sie noch naechste Woche...

Soweit der Blick hinter die Hintergruende. Die Details, warum auch im nuechternen Zustand die Schattenseiten des Romans die Sonnenseiten leider ueberwiegen, folgt umgehend. (Erst mal den Stahlhelm finden und den SERUN anlegen!)

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Rezension

Positives:

Rainer Castor scheint im PR-Autorenteam seine eigene gar nicht so kleine Nische auszufuellen, und zwar exklusiv. Ein Castor Roman wird kaum je mit dem Roman eines seiner Kollegen verwechselt werden.

Und weil er sich als Autor doch rar macht, zur Freude einiger, zum Bedauern einer manchen Reaktionen zufolge groesseren Mehrheit, hat er in seinen Romanen oft viel, sehr viel an Inhalt, Ueberblick, Rueckblenden und Action nachzuholen.

Er ist nicht der Autor fuer die so gerne in Abrede gestellten "Lueckenfueller", das wissen Stammleser, und bauen deswegen eine entsprechende Erwartungshaltung auf.

Technobabbel hin oder her, schon vor dem Aufschlagen des Heftes neigt so mancher versierte Rhodan-Kenner dazu, ein paar Bonuspunkte zu vergeben, ganz im Gegensatz zu so manchen Psychopathen/Monster der Woche-Roman.

2225 bildet da keine Ausnahme. Trotz des hausbackenen und wenig stimmungsvollen Titels "weiss" "man" schlichtweg vorab, dass die Fetzen fliegen werden, dass man mehr ueber Waffen und Gadgets und Triebwerke erfahren wird, als man je wissen wollte, dass einige hunderttausend Jahre PR-Geschichte nicht unerwaehnt bleiben werden, dass Bully sein neues PRAETORIA Spielzeug vorfuehren wird, dass Politiker und Wissenschaftler in unvollstaendigen Saetzen im castorschen Fachjargon plaudern werden, und nebenbei die eine oder andere Figur vorgestellt oder naeher beschrieben wird.

Das alles loest Castor auch ein, und wenn Bully dann seine Leute zusammenruft und die Hintergrundlage beleuchtet, dann gewinnt der Roman sogar an Originalitaet und hebt sich von der Masse der bisherigen Sternenozean-Heften ab. Ein Unsterblicher, der den Hintergrund hinterfragt, der ein Szenario entwirft und ueber Konsequenzen nachdenkt, der nicht blind auf einen auesseren Einfluss reagiert und jedes Hoerensagen sofort fuer ein gottgebenes Dogma haelt. Da lacht so manches Leserherz. Ein Protagonist, der denkt, der ueberlegt, der mit anderen spricht, der nicht einfach Raumschiff, Gaul oder auch nur Schusters Rappen anwirft und mal nachsehen geht, ob er am expokratisch vorgegebenen Ziel eine blutige Nase bekommt oder dort schon Glueck haben wird und mit goettlicher Hilfe ueberleben wird.

Ja, das sind ein paar Seiten, in denen nicht geschossen wird, die keine exotische Umgebung beschreiben, in denen weder Monster noch Psychopathen auftauchen, in denen kein Norman Blickfang fuer die Vorlesegeneration spielen muss.

Bully spielt Advocatus diaboli, und fuer ein paar Minuten scheint der grosse Hintergrund Sinn zu ergeben, eine passende Kulisse fuer Abenteuer davor zu sein. Ein kaum zu uebersehender Beweis, dass fast jeder kosmische Hintergrund, jede perryverselle Grosswetterlage brauchbar ist/ihr Potenzial hat, wenn nur die handelnden Personen davor halbwegs vernuenftig handeln.

Selbst das Knoepfchendruecken der Kosmokraten scheint nicht mehr so herbeigewedelt zu sein, wenn die Protagonisten, ihres Zeichens immerhin Identifikationsfiguren der Leser, den Vorgang hinterfragen und abwaegen, sich ihre Gedanken machen, und zwar direkt vor den Augen ebendieser Leser (uns), und das nicht nur in irgendwelchen Kommentaren ausserhalb der eigentlichen Handlung angedeutet wird.

Neutrales:

Wer wohl auf diesen sperrigen Titel "Terraner als Faustpfand" gekommen ist? Und worauf bezieht er sich eigentlich? Auf die (sicher bewusst und gewollt) schnell abgehandelte Geisselszene mit anschliessendem Blutbad? Da ist dem Autorenoder Expokraten allerdings der Mut verlorengegangen, sich auf das real nur allzu bekannte Dilemma einzulassen. Innere und auessere Konflikte zu schildern, den Opfern wirkliche Gesichter und Schicksale zu geben, die Spannung und den Konflikt aufzubauen und einem tragischen Hoehepunkt zuzufuehren. Die Ermordung der tausend Terraner erfolgt wie nebenbei, zu klinisch sauber. Der Taeter, Shallowain, zeigt kein Innenleben. Auch das ist wohl beabsichtigt, und der Charakter so angelegt. Aber warum soll man sich als Leser dann auf die Figur einlassen? Auch ein Boesewicht sollte mehr als nur ein gefuehlsloser Unhold sein, der halt ueber Leichen geht. Zu Beginn der Jagd auf Kantiran zeigte Shallowain noch mehr Potenzial, jetzt ist er zu einer Mordmaschine verkommen.

Was fuer den irgendwann wohl erfolgenden Showdown zwischen ihm und (vermutlich) Kantiran nicht gerade foerderlich ist. Der "Hund" ist bereits tot, als Figur lebt er doch gar nicht mehr. Castor charakterisiert ihn doch nur noch anhand seiner Strega-Waffe. Die jetzt halt andere, schwaechere Munition verschiesst.

Das ist schwach, und hier wird nahezu das gesamte Potenzial des Romans verschenkt.

Diese hingeschlachteten Terraner waren nicht wirklich ein Faustpfand, um a) entweder Realismus der wirklichen Welt in die Serie einzubringen oder b) sie als Aufhaenger und Drehscheibe fuer 50 Seiten spannender Handlung zu verwenden.

Womoeglich waren ja die Terraner im Speicher das Faustpfand; Mutanten, Unsterbliche und Agenten, ein Faustpfand gegen den mit seiner Flotte im Orbit kreisenden Bully? Aber auch das bietet der Roman letztendlich nicht.

Die wirklich wichtigen (c) Personen werden handlungstechnisch schnell in vorlaeufige Sicherheit gebracht, der Rest darf von den angreifenden Arkoniden dezimiert werden.

Angesichts der nahen terranischen Flotte, von der Ascari, Kraschyn und Co ja wissen, waere es fuer sie doch lebenswichtig gewesen, moeglichst viele der Terraner lebend und halbwegs unversehrt in die Hand zu bekommen.

Die offenen Kaempfe, kurz bevor Bully fanfareblasend Hayok erreicht, entsprechen einem klassischen Westerntiming; das ist die Kavallerie, die im letzten Moment auftaucht. Aber da kein Sympathietraeger zu dem Zeitpunkt ernsthaft in Gefahr ist, muss auch das als vertane Chance abgetan werden.

Man stelle sich vor, die Verteidiger Alamos waeren im letzten Moment allesamt gerettet worden, oder zumindest diejenigen, die namentlich bekannt waren. Nicht unbedingt der Stoff, aus dem Legenden sind.

Welcher Teufel hat unseren Expokraten geritten, Ascari und Kraschyn gemeinsam auf Hayok auszusetzen? Zwei potenzielle Schurken, dazu der Dienerfiesling Shallowain. Das ist eine Inflation an Gegenspielern fuer Bully. Und fuer keinen bleibt genug Platz, um ein wenig brillieren zu koennen. Ascari braucht Kraschyn nicht, um giftig zischen zu koennen, und vice versa.

Negatives:

Nicht zum ersten Mal sage ich, dass in nahezu jedem Castor Roman Passagen enthalten sind, die gekonnt geschrieben sind, die Spass machen, Spannung erzeugen oder ein klein wenig schaudern lassen angesichts gewaltiger Cinemascope-Rueckblenden. Manchmal bietet er sogar sehr gute und fuer eine Heftserie auch "tiefergehende" Charakterzeichnungen.

Aber... nach zu vielen Jahren fuerchte ich mittlerweile, das Castor einfach nicht _erzaehlen_ kann. Ein Roman, auch ein Heftroman, sollte, wenn er wirklich gut ist, mehr als die Summe seiner Einzelheiten sein. Eine ausgewogene Mischung bieten, Infodumping diskret unterbringen, Rueckblenden und stilistische Einschuebe passend und sparsam einsetzen. Castor-Roman um Castor-Roman sind ueberladen, wollen mehr Inhalt vorgaukeln als tatsaechlich vorhanden ist, schweifen ab und verlieren sich in zuvielen Details und Einschueben. Ein _Lektor_ wuerde da womoeglich Wunder wirken, ein Lektor, der brutal und ehrlich genug ist, auch durchaus gelungene und sprachlich saubere Einschuebe aus dem Manuskript zu streichen. Der unnoetige Rueckblenden streicht und technische Erlaeuterungen zum falschen Zeitpunkt.

Castor beschreibt, berichtet, zaehlt auf, informiert, baut in nicht zu grossen Abstaenden wortgewaltige Actionszenen ein, die manchmal zu wortgewaltig sind. Und inmitten der schoensten Schiesserei unterbricht er diese kurz, um noch schnell Raumanzuege, Waffen, oder die Socken der Kombattanten zu beschreiben. Wenn der Schutzschirm eines SERUNs zusammenbricht, will ich wirklich in dem Moment wissen, wie der Helmverschluss funktioniert, oder welche Knoepfe der manuellen Bedienung in welcher Situation gedrueckt werden koennen? Eine lumpige halbe Zeile Abschweifung macht (m.E.) oft die schoenste Schiesserei, den gelungensten Spannungsaufbau kaputt.

Und was im Kleinen beginnt, wird im groesserem Rahmen noch viel deutlicher. War in diesem Roman eine Seite verwirrendes Gerede ueber die "Goldenen Menschen" notwendig? Natuerlich lieben gerade Altleser Querverweise und "Insider-Referenzen", aber auch damit kann man eine ansonsten funktionierende Handlung sabotieren und zerreden und kraftlos machen.

Ja, als Altleser freut es mich auch, wenn alte Schauplaetze besucht werden und fruehere Ereignisse wieder eine Rolle spielen. Aber Alibibesuche im Mahlstrom sind es genauso wenig wie ein paar Zeilen ueber Bardioc, Oldtimer, Till Leyden, Melbar Kasom und co, die mich hinterher zufrieden machen.

Das schwierigste beim Erzaehlen einer Geschichte ist fuer mich die Disziplin, sich auf das Wichtige und Notwendige zu beschraenken. Und wenn es sein muss, auch die sprachlich und stilistisch gekungenste oder lustigste Szene zu streichen, wenn sie nicht passt, ein Fremdkoerper ist und das Tempo und die Spannung des Romans sabotiert.

(Vermutlich braechte ich selber nicht die notwendige Haerte und "Brutalitaet" auf, diesen meinen Vorgaben zu folgen. Aber von einem Profi innerhalb eines Teams von Profis erwarte ich mir gerade in dieser Hinsicht einfach "mehr".)

So bleibt mir der Roman eher als eine Aneinanderreihung zum Teil gelungener Szenen in Erinnerung, die aber nicht recht "fliessen" wollen.

Dazu kommt dann noch ein Icho Tolot, der ziemlich sinnlos fuer handfestes Gemetzel sorgt, ausgerechnet der Haluter, der sich nicht so einfach hinreissen lassen sollte. Mutanten, die zwar mittels Pieper ausser Betrieb gesetzt sind, wenn es darauf ankommt aber doch den einen entscheidenden Mutantentrick durchfuehren koennen. _Das_ ist _billig_. Die Lage ist hoffnungslos, aber zwischendurch auch wieder nicht.

Fazit:

Aus einem nicht vorhandenen Plot, ohne Handlungsaufbau und vor allem ohne irgendwie greifbaren Schluss vom Exopkraten im Stich gelassen, hat Leo Lukas vor einer Woche doch noch einiges zu retten vermocht und mehr Inhalt vorgegaukelt als vorhanden war.

Diesmal scheint es mir umgekehrt, regelrecht gespiegelt zu sein. Inhalt, Spannungsaufbau und Schluss sind vorhanden, aber die Ausfuehrung ist schwach, pendelt unentschlossen zwischen mehreren Schauplaetzen hin und her, erstickt an Einschueben und vielleicht gutgemeinten Schulterschluessen mit "Insider"-Lesern. Selbst ein Abschnitt ueber Kritiker liest sich an, als waere er auf bestimmte kritisierenden Leserschichten gemuenzt.

Ein tragischer Roman ueber staatlichen Terror und schmutzige Politik waere mir lieber gewesen. Oder ein eher geradliniger Actionroman ueber heldenhafte Verteidiger und deren Rettung im letzten Moment.

Fisch oder Fleisch. Aber nicht unbedingt eine in keiner Beziehung wirklich ueberzeugende Mischung von beiden.

Scheer war wohl der bessere Erzaehler, auch wenn Castor (m.E.) besser _schreiben_ kann.

Rudolf

 

Metadaten

Dieses Visier wurde verfasst von Rudolf Thiess

Die aktuelle Version wurde am 17. August 2006 in die Datenbank eingepflegt

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