Im Visier 2223

Zugrunde liegender Roman: Michael Nagula - Die Gotteskriegerin

Plot | Teil 2 | Rezension

Vorbemerkungen und Plot

Plot:

Da ich diesen als weitgehend bekannt voraussetzen darf, bzw. unter "nichts wesentlich Neues unter der Sonne" abhefte (Hismoom hat die defekte Hyperimpedanz-Sicherung noch immer nicht ausgewechselt, die Umruestung der Solaren Flotte auf Oekostrom ist weiter im Laufen, das Match Sektierer-Lynchmob ist nach wie vor unentschieden mit leichtem Justizvorteil fuer die Ersteren, und Berichte ueber die Funde toter SIen liefen vor einiger Zeit schon als Wiederholung im Programm der Dritten), wenden wir uns einmal dem Schicksal all der einfachen, meist totgeschwiegenen Buerger und Opfer der expokratischen Willkuer-Oligarchie zu.

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Tei 2

Was die federschwingende Mitglied des kleinen Junior- Kollektivs uns diesmal unterschlagen hat:

Nach dem ueberwaeltigenden Erfolg des T-Shirts Privilegien- Lottos [die 243 Tote bei der letzten Schlacht um das letzte Shirt aus der sogenannten "Nuller-Serie" (die mit dem Fehldruck "Fuer Rodan und Terra!") muss man halt als kleinen Kollateral- schaden in Kauf nehmen] und der indirekt damit verbundenen Renaissance des Siezens (besonders hervorstechende und vorbild- hafte Buerger duerfen sich auch "er"zen, "ihr"zen, "Sir"zen und m"euch"eln lassen!) hat der gerissene Adams erneut in seinen psychologischen Zauberkasten zur Volksverbloe.. aeh.. Volksberuhigung gegriffen.

Am Eingang der Solaren Residenz wurde eine grosse schwarze Box angebracht; ein sogenannter "Briefkasten", volkstuemlich sehr schnell "Kummernummer" genannt, der allen LFT-Buergern rund um die Uhr offensteht, sich mit Sorgen und Frust und Beschwerden schriftlich an die Verantwortlichen zu wenden.

(Wer schreibt, lyncht nicht und sprengt auch keine Fabriken in die Luft! Ist schon ein alter Fuchs, dieser Adams...!)

Nun, drei Tage sind vergangen. Sehen wir uns doch einmal an, wo der Bevoelkerung der Schuh drueckt... zumindest diejenigen, die trotz allgegenwaertiger Syntroniken des Schreibens noch maechtig sind. (Die aktuellen Positronik-Kurse "Schreiben leichtgemacht" starten wegen kleiner Anlaufschwierigkeiten und mangelnder Rechnerkapazitaeten erst in drei bis vier Wochen!)

Die Solare Residenz zu finden ist selbst jetzt, da sie notgelandet ist, nicht weiter schwierig, der Weg ist gut beschildert, und im Regierungsviertel ist es das mit Abstand hoechste Gebaeude.

Wenn der Wind einem neugierigen Wanderer nicht dauernd diesen losen Papierabfall ins Gesicht wehen wuerde, waere die Suche sicher einfacher... Hmm, kann es sein, dass der vor kurzem von ES wieder ausgespuckte Christo die Residenz ausgerechnet jetzt in Papier eingepackt hat?

Oooh...! Verstehe...! Der kleine schwarze Briefkasten war wohl etwas zu klein dimensioniert.

Also, brechen wir das Kummerbriefgeheimnis und schauen uns mal ein paar der kleinen Wehwehchen der Bevoelkerung an:

Seit einiger Zeit fuehle ich mich andauernd beobachtet und verfolgt. Und immer wenn ich mich fuer ein kurzes Stundengebet zurueckziehen will, troetet irgendein gut versteckter Scherzkeks in meiner Naehe und reisst mich aus der Meditation. Macht gefaelligst etwas dagegen.

Bre (PS.: Wo ist mein bei Galaxon bestelltes Schwert "Excalibur"? Das Postwesen in Terrania ist ein wahrer Skandal!

*

Seit ich in diese neue Wohnung eingezogen bin, kann ich nicht mehr schlafen. Einmal stuerzen die Haeuser in der Nachbarschaft unvermittelt ein, dann dringt der Baulaerm von der Waringer-Akademie oder dem Tempel der Degeneration durch die angeblich schalldichten Fenster. Und wenn dort einmal die Maschinen und Ho-Ruck-Rufe verstummen, weil die einen sich vor der T-Shirt Ausgabe anstellen und die anderen in irgendeinem Buch schmoekern, oeffnet sich bei mir die absolut einbruchssichere Tuer und diese Liliputausgabe eines Elefanten spaziert quer durch mein Wohnzimmer in die Kueche und frisst meine Kekse. Kann die Tussi in der Wohnung ueber mir nicht besser auf ihr Schmusetier aufpassen. Und muss, nein, darf sie ihm wirklich eine Trompete zum Spielen geben?

- John

*

Wir, die hier unterzeichnenden TLD-Agenten beschweren uns hiermit offiziell ueber die Staatssekretaerin Mondra Diamond. Wir plaedieren auf unser erworbenes Gewohnheitsrecht. Monatelang waren wir bei vollen Bezuegen beurlaubt oder halbtags als Schuelerlotsen eingesetzt. Und Frau Diamond erledigte alle anfallenden Ermittlungsarbeiten und sogar alle Ausseneinsaetze im Alleingang, verteilte Positronikbausteine, besuchte Firmenparties, fing aus- gebrochene Zootiere ein und liess sich dabei nur von ihrem treuen Norman assistieren. Aber seit dieser Nagula von der Top-Secret Abteilung VPM turnusmaessig zum Leiter der Personalabteilung ernannt wurde, glaubt diese Exfrau des Residenten, dass wir nur dazu da sind, sie zu unterstuetzen und Recherchen und Bewachungen durchzufuehren. Wir haben doch laengst vergessen, wie das geht! Das sich eine Verdaechtige mit Hilfe einer unsportlichen Benuetzung eines Gleiters der Beschattung entziehen konnte, ist keinesfalls auf ein Versagen der zustaendigen Kollegen zurueckzufuehren, sondern eine Folge fehlender Praxis. Vorwuerfe, die Frau Diamond in ihrem Bericht erhebt, weisen wir auf das Schaerfste zurueck.

- Die TLD-Agenten der Gruppe 69.

*

Mehr T-Shirts! Wir brauchen mehr T-Shirts!

- Die Arbeiter der Tagschicht an der Waringer-Akademie. *

Wir haben gehoert, Kantor verwendet eine Giraffe bei seinen perversen Forschungen und Versuchen. Haben gehoert, er steckt den Kopf besagter Giraffe in die Sonne. Das ist eine Behandlung eines streng geschuetzten Tieres, die beim Besten willen nicht als artgerecht bezeichnet werden kann. Falls das arme Tier wider Erwarten noch leben sollte, fordern wir seine sofortige Freigabe und Freisetzung in einem zu schaffenden Naturreservat.

- Das GAEA-Komitee

*

Mein alter Kollege Hein weigert sich noch immer, mir mit "Sie" anzusprechen, obwohl ich sogar zwei der T-Shirts vom Adams trage und er immer noch in seinem alten blauen Overall steckt. Darf er das? Schliesslich habe ich Terrania neu aufgebaut und die ganzen Kupferkabeln gelegt.

- Josi F.

*

Herr Adams, ich moechte ihre geehrte Aufmerksamkeit auf das Buch lenken, welches die Gon-Orbhon Sekte seit einiger Zeit verteilt. Als Mitglied der neugegruendeten Drucker- gewerkschaft habe ich einige Nachforschungen angestellt. Dabei musste ich feststellen, dass die gesamte Auflage dieses Werkes, die Schaetzungen zufolge in die zig-Millionen geht, in keiner uns bekannten Druckerei angefertigt wurde. Abgesehen von einem amateurhaften Schriftsatz und fehlenden Serifen, ist das auch ein strafrechtliches Problem. Durch diese illegale Pressung wird der Finanzminister um Millionen Galax an abzufuehrenden Steuern betrogen; gehen wichtige Arbeitsplaetze in der Branche verloren; sind irgendwo tausende Arbeiter (vermutlich auch Kinder und Frauen) weit unter den kollektivvertraglich-festgelegten Mindesttarifen illegal beschaeftigt; vermutlich unter Umgehung der meisten Sicherheitsstandards. Die terranische Industrie kann sich solche verbotenen und ausbeuterischen Praktiken nicht mehr leisten. Zu pruefen waere weiters, ob die kostenlose Abgabe des Buches an Interessierte nicht ebenfalls strafbar ist und den Tatbestand der Bestechung oder der illegalen Geschenkannahme erfuellt, bzw. eine Wettbewerbsverzerrung darstellt, die auch den Buchhandel trifft. Womoeglich handelt es sich sogar um _Raubkopien_. Oder kennen Sie oder einer ihrer Beamten den tatsaechlichen Rechteinhaber der Vorlage?

- Jeremy Hoffa, Gewerkschaft Druckereien

*

Tr...t, tr..h.t, tr... tr... tr....t, (und weitere 243 Zeilen)

(Uebersetzung eines alten elektronisch betriebenen Uebersetzungsprogramms aus dem 21.Jahrhundert:)

Mampfen Keks, Menschen kommen Norman weg Tuer auf. Anderssein. Mannmensch. Freuen Aufkeks. Trockenkeks. Schoen singen mit Ruessel mit Ding dran. Schoen laut. Trinken Saft von Mann. Saft nicht Saft. Saft Ruessel stecken. Spucken. Nicht spucken koennen. Nicht singen laenger koennen. Mann freuen. Schieben ich in Nest mit Korb. Mondra traurig. Norman traurig. Leute lachen. Wollen machen Saft Ruessel weg. Saft nicht gehen weg. Norman boese. Finden Mann. Wickeln Ruessel Mann um Hals. Adams helfen.

- N.

(Das Anliegen wird an das GAEA-Komitee weitergeleitet.)

*

Warum mag keiner meine schoene Hyperimpedanz? - RF

*

Warum mag keiner meine netten Psychopathen?

- HGF

*

Warum muss auch ich einen Sektierer-Roman schreiben?

- MiNa

*

Kann denn keiner diesem Kantor sagen, dass wir hier auf Luna nicht dazu da sind, seine Geometrieaufgaben zu loesen? Hat er denn keinen eigenen Taschenrechner? Er wird doch wohl selber aus zwei bekannten Punkten, der Sonne und der Position der ELIZABETH TAYLOR... aeh RICHARD BURTON, einen Richtungs- vektor erstellen koennen. Wo hat der Kerl denn seinen Abschluss gemacht? Wir haben hier Wichtigeres zu tun. Unsere Positroniken laufen heiss, um fuer 150 Millionen Terraner die Schnittmuster fuer individual passende "Sie-Shirts" zu erstellen. Die bisherigen Normgroessen machen einfach kein gutes Bild. Besucher aus der Galaxis muessen ja annehmen, dass unsere Arbeiter in unpassenden Lumpen herumlaufen. Da hat z.B. glatt jemand zwei Siganesen aus dem Akademie-Bautrupp in Shirts der Groesse "S" gesteckt. Und die XXL-Shirts passen den meisten Ertrusern auch nicht wirklich. _Das_ sind unsere Probleme. Fuer irgendwelche astrologischen Spielereien haben wir wirklich keine Zeit.

- Willi Tuer, Syntro.. Positroniker auf Luna

*

Holt mich gefaelligst hier raus. Ich bin schon durch!

- Unbekannte SI, derzeitiger Aufenthalt: SOL

*

Wir brauchen neue Stricke. Und mehr Baeume in Terrania. Und die Gon-Orbhon Jungs gehen uns auch allmaehlich aus. (Ich weiss, dass sind drei Wuensche, aber das Wochenende rueckt naeher, und es soll nicht wieder so langweilig wie das letzte werden.)

- Otto Normalterraner

*

Woran liegt es, dass ich keinen Tau habe?

- Mondra (Antworten bitte an das Staatssekretariat fuer ungereimte Angelegenheiten.) (PS. Hat jemand zufaellig ein gutes Loesungsmittel fuer Klebstoffe?)

*

Kann man nicht eine einstweilige Verfuegung gegen diese schrecklichen Denunzianten von der NG erlassen? Reichen da nicht unsere Notstandsgesetze? Ich habe einen Container voller Beweismaterial zusammengesammelt, und wuerde dieses gerne dem Ersten Terraner vorlegen.

- KNF

*

Na toll, Adams wird kein Haar gekruemmt, und die Presse feiert das als tolles Happy-End. Dieses "saubere" Maedel Bre konnte im letzten Moment noch gestoppt werden. Und sie tut uns ja so leid. Gott Sei Dank, nichts Schlimmes ist geschehen, und wahrscheinlich kommt sie mit einer Verwarnung und Stubenarrest davon. Aber was ist mit unseren Maennern? Brave Sicherheits- beamte, die nur ihren Job getan haben, brave Ehemaenner und liebevolle Vaeter. Gemeuchelt, umgebracht, gemordet; von der armen, verblendeten Bre. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Schoen fuer Homer, dass ihm kein Haar gekruemmt wurde, schoen fuer die Staats- sekretaerin Mondra, dass sie noch rechtzeitig eingreifen konnte. Rechtzeitig...! Ja, fuer wen denn? Sind denn hier alle verrueckt geworden? Ist euch allen eine Ausgabe des Buches Gon-Orbhon auf den Kopf gefallen? In was fuer einem Irrenhaus leben wir denn? Und vermutlich interessieren sich nicht mal ein paar Boulevard-Journalisten von diesem HGF-Medienmogul fuer unsere Geschichte. Nur ein paar Redshirts, die es getroffen hat. Ja, aber der arme Norman, der ein wenig Klebstoff in die Nase bekommen hat, das hat Aufsehen erregt. Titelseiten in den Gazetten. Da sind die Reporter Schlange gestanden, und ein neues Klebstoffgesetz wurde auch schon erlassen. Selbst diese radikalen NG-Kommune hat ihr Kondolenzschreiben an Frau Diamond uebermittelt. Und Bahlsen hat sofort 2 Tonnen frische Kekse fuer die Genesung des Grauen gespendet, sehr werbewirksam natuerlich. Und woher sollen wir fortan die Kekse fuer unsere Kinder nehmen? Das interessiert natuerlich kein Schwein.

- Babsi und Barbara, Witwen (PS. Warum waren die neuen T-Shirts nicht schussfest wie die alten Uniformen?)

*

Aeh... ich bin's wieder, die alte Lady mit den Gedaechtnis- luecken... die mit dem Haus, an dessen Tuer Museum steht, mit den leeren Vitrinen. Und dem Brummen im Kopf. Der die Krankenkasse die Blauen Pillen nicht mehr bezahlen will. Mir ist diese Woche zwar nichts mehr zugestossen, aber ich traeume andauernd von einem glaesernen Sarg, der auf mich schiesst. Heute morgen sind zwei Maenner in weiss mit einer seltsamen Weste mit langen zusammengebundenen Aermeln vor meiner Tuer gestanden. Ich bin ihnen gerade noch durch das Fenster entwischt. Ich werde mich bei meinem Enkel verstecken, der arbeitet in der Waringer-Akademie als Assistent des neuen Direktors... Ach frueher, als Rhodan noch da war, da war alles viel besser.

- Wenn ich bloss wuesste, wie ich heisse...

*

Hey Mann, Homey Boy, was soll das? Auf meinem Schreibtisch sitzt diese Woche eine mir voellig fremde Weibs-Person, meine Sachen sind in einem ollen Karton vor der Tuer gestanden, und ich wurde von zwei schmierigen Beamten, die ihre Griffel kaum zurueckhalten konnten, aus der Residenz geworfen. Geht man so mit seiner Lieblingssekretaerin um? Ich hab mir noch extra 'nen neuen Minirock gekauft. Homey, was ist denn los mit meinem kleinen Quasimodo? War das Essen, zu dem ich dich eingeladen habe, denn so schlecht? Naja, wahrscheinlich schon, aber das Dessert... Homey, das Dessert, das war doch ganz grossartig...! Homey, was soll ich denn machen, so ganz alleine auf den Strassen von Terrania, wo sich gefaehrliche Tiger, Echsen, Elefanten und Fanatiker herumtreiben? Und ich hatte mich schon so auf Irland gefreut... - Diana (PS. Homey, Homey, Homey, das ist gemein von dir. Lass uns wieder Freunde sein. Und mein rechter Stoeckel ist auch abgebrochen. Homey...? Homey...!) *

Homer, ich brauche ganz dringend die SOL. Ich bin mit meiner blauen Lieblingswalze ganz in der Naehe gestrandet, und zu Fuss ist es selbst fuer mich ein bisschen weit bis zur naechsten Materiequelle. Ein paar Oxtornerkoerper waeren auch nicht schlecht, mir gehen naemlich die Maunari aus. Unter alten Freunden wirst du mir diesen kleinen Gefallen doch sicher tun, nicht wahr? Als Belohnung gibt's eine fast neue, noch kaum gebrauchte Ersatzsicherung fuer die Hyper- impedanz. Myles wird schon wissen, wie er sie am besten in den KN-Sockel reinschraubt.

- Hismoom

*

Haustier entlaufen. Etwa einen halben Meter hoch, 80 Kilo schwer, Vierbeiner, graue lederartige Haut, grosse Ohre und ganz liebe noch groessere Augen. Besonderes Kennzeichen: ein verklebter Ruessel. Hoert auf den Namen Norman. Sachdienliche Hinweise bitte an:

Mondra Diamond Staatssekretaerin fuer Ungereimtes Solare Residenz (PS. Auf keinen Fall darf das Tier in die Haende dieser tierfeindlichen NG-Sekte fallen.) *

Homer, ein dringendes Anliegen in eigener Sache. Behandle es bitte vertraulich! Hast du zufaellig eine Ente in Matrosenuniform und drei kleinere Erpeln in der Residenz gesehen? Sie sind mir leider aus Versehen aus einem anderen Manuskript in das von Heft 2223 gerutscht. Wenn ich sie nicht bald finde und zurueck nach Entenhausen schaffe, macht mir der D. Konzern die Hoelle heiss. Die kennen da keinen Spass und kein Pardon. Ich habe zwar versucht zum Ausgleich ein paar PR-Autoren in Entenhausen anzusiedeln, aber der Eiserne Mann im Konzern besteht auf die Retournierung seiner nervigen Lieblingsente.

MiNa

* Nachdem die Residenz wieder aus den Papiermassen ausgegraben worden war, liess Adams die Aktion "Buerger, schreibt euch euren Kummer von der Seele" wieder einstellen. Ausgewaehlte Schreiben wurden im "Museum der infantilen Kunst" ausgestellt, der Rest in einem aufwaendigen Recyclingverfahren zu fuenflagigem Toilettenpapier verarbeitet, von dem Adams sich einen Lebensvorrat zulegte.

=============

[Und jetzt zum zweiten Teil meiner Blasphemien ueber die literarischen Enthuellungen zu einer toten SI und aufgekratzten Terranern mit Traeumen von Schwertern und Seen... (nach Camelot jetzt auch Excalibur)

Ich nehme mal an, die "Kuer" kommt ohnehin besser an als die trockene "Pflicht"...]

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Rezension

Positives:

Manchmal sind aller guten (oder schlechten) Dinge doch nicht deren drei. Nach 2221, der sich das Praedikat "Jenseits von Gut und Boese" redlich verdient hat, und 2222, der nicht ueber ein "Gut gemeint ist nicht immer auch gut" hinausgekommen ist, war meine Befuerchtung bezueglich eines weiteren "Sekten-Romanes", der noch dazu den alles andere als vielversprechenden Titel "Die Gotteskriegerin" traegt, dementsprechend gross, die Erwartung andererseits enorm klein. Und auch Michael Nagula hat sich vor fast 20 Wochen mit einem Kantiranschen Aussetzer nicht gerade guecklich in eine laengere Auszeit verabschiedet.

Aber manchmal kommt es dann doch anders, als man denkt und es im Buch Gon-Orbhon festgeschrieben steht.

Das schrecklichste am Roman war die Risszeichnung, die arg lieblos und hastig am Computer zusammengebastelt aussieht. Damit kann ich leben.

Literaturpreis wird es fuer 2223 keinen geben, aber Nagula, dessen Romane ich bisher eher vorgeworfen habe, manchmal ein wenig auffaellig "bemueht" zu wirken, hat diesmal einen sehr fluessigen, leichtgaengig und angenehm zu lesenden Roman abgeliefert. Er hat aus zwei Teilhandlungen, von denen ich von einer bereits vorab wusste, dass ich sie nicht moegen wuerde, und der anderen, die dem Leser vor allem eine kraeftigende, lange erwartete Portion Informationen und (noch spekulative) Hintergruende auftischte, erzaehlerisch aber kaum Potenzial hatte, doch tatsaechlich eine unterhaltsame Geschichte zusammengebastelt.

Sich gegen eine negative Erwartungshaltung durchzusetzen, gegen eine leicht zu begruendende Abneigung einem zentralen Romanthema gegenueber, dafuer gebuehrt ihm schon ein grosses Lob.

Als PR-Autor kann er Mondra nicht kompetenter und sympathischer und tiefschichtiger machen, Bre nicht finsterer und furcht- einfloessender, als die beiden laut Expose und Charaktervorgabe nun mal sind:

Mondra ist halt die abgelegte Freundin des Titelheldin, ueberwiegend definiert durch ein, sagen wir es diplomatisch, kontrovers beurteiltes Haustier.

Bre ist die nette, sympathische Frau, die Atlan anhimmelte und nicht zu sehr im Vordergrund stehen will. Die nur deswegen "boese" sein darf, weil der wahre Schurke sie schaendlich beeinflusst.

Aber der Unterschied zu Bre und Mondra, wie sie in 2221 geschildert wurden, ist enorm: eine Frau, die teilnahmslos und absolut lern- und denkresistent von Katastrophe zu Katastrophe stolpert, eine andere, die sich innerhalb von zwei nichtssagenden Absaetzen durch eine Tuer absetzt. Zwei namenstragende Puppen, die durch eine moeglichst mordluesterne Handlung gejagt wurden.

Diesmal durften sie dann doch ein Innenleben haben, den einen oder anderen inneren Monolog ausfuehren, an der eigenen Vergangenheit leiden, miteinander "reden". Und da war sogar Platz fuer eine subtile Unterscheidung zwischen "Sekte" und "Religion", ueber unterschiedliche Ansichten, die verschiedene Personen von ein und derselben Sache haben.

Auch Kantor, der von allen grossen Wissenschaftlern bei PR (Waringer, Kalup, Hamiller, seinen Eltern, etc.) fuer mich der farbloseste und uninteressanteste ist, durfte mit seinen Mannen nicht nur schnell man "entdecken", sondern bekam einige Absaetze spendiert, um ueber die Entdeckungen zu diskutieren, zu spekulieren, sich _Gedanken zu machen_. Aufgrund aehnlicher Enthuellungen der letzten Jahre ("Die KK werden ein paar tausend Galaxien sprengen!" "Pfui! Und was gibt's sonst noch Neues?" "Ihr muesst mit eurer SOL schnell mal eine halbe Milliarde Lichtjahre fliegen, um im Mahlstom den Nippel durch die Lasche zu drehen!" "Okay, wir werden die Kessel gleich anheizen.") haette ich mir gar nicht mehr erwartet, dass unsere Helden untereinander auch noch reden koennen und sich ueber das "Wie" und "Warum" und "Was nun?" sorgen.

Wir durften erfahren, dass ausser Mondra auch noch andere TLD-Agenten recherchieren bzw. auf der Strasse/im Ausseneinsatz unterwegs sind. Ein bisschen Lokalkolorit im Irland der LFT-Zeit, eine nicht zu marktschreierische Hommage an Walter Ernsting; und selbst der obligatorische Norman Auftritt war nicht gewaltsam herbeigewedelt und verlangte keine uebersinnlichen Faehigkeiten des Elefanten. Normans sind halt in Mondra-Wohnungen endemisch und mit ihrer Anwesenheit ist bei Besuchen dort zu rechnen.

(Welcher Besucher allerdings mit Klebstoff bewaffnet war, sollte die faehige Frau Ex ziemlich schnell herausfinden koennen.)

Neutrales:

Die Sektengeschichte ist nicht wesentlich interessanter geworden, die Behoerden nicht wesentlich kompetenter. Aber da setzt wohl das Expose seine Prioritaeten.

Ich glaube nicht, dass irgendein Autor viel mehr aus dieser Vorlage haette hervorholen koennen. Man muesste (und sollte!) halt dem Expokraten verbieten, innerhalb der naechten 200 Relativeinheiten noch einmal die ziemlich ausgelaugte Geschichte von der seltsamen geistigen Beeinflussung der Menschheit (bzw. grosser Teile von dieser) durch eine fremde, unbekannte Macht hervorzukramen und einem hilflosen Leserpublikum vorzuwerfen.

Was haetten wir denn alleine in der "Neuzeit" der Serie zum Aufzaehlen: Goedda und ihr Kritzelsyndrom. Die wohl kaum ganz koschere Stimmungsmache der Helioten fuer THOREGON. Die ganze Seelenquell Geschichte.

Und, sicher nicht vollstaendig, aus frueheren Zeiten: Der Overhead, Ribald Corello (beeinflusste ja auch ganze Welten), die PAD-Seuche, die Aphilie, Boyt Margor, Seth-Apophis.

Besonders ungeschickt ist da noch die vermutlich durchaus beabsichtigte Verbindung mit dem aktuellen Tagesgeschehen und der zumindest subjektiv feststellbaren Ausbreitung fundamentalistischer Extremisten. Natuerlich kann und soll auch die Literator ein Thema wie Fundamentalismus und selbsternannte "Gotteskrieger" nicht aussparen, bei PR scheint mir die Beschaeftigung damit aber reichlich unpassend zu sein. Die Gesetzmaessigkeiten einer Heftserie mit action- haeltiger Fortsetzungsgeschichte erlauben (m.E.) nicht mal ansatzweise eine vernuenftige und "ehrliche" Handhabung des Themas. Vor allem, wenn man bedenkt, dass letztendlich bei PR die ominoese Macht im Hintergrund entlarvt und ausgeschaltet wird, womit "alles wieder gut" wird. Eine Macht, die es real nicht gibt, und, wenn ich jetzt tiefer vergleiche und interpretiere als es die Macher (Autoren) tatsaechlich beabsichtigen, die einen Loesungsweg suggeriert, der real nicht vorhanden ist. PRAETORIA und die Reste der arkonidischen Flotten in Magellan gegen die noch nicht voll erwachte Macht Gon-Orbhons, oder Supermutant Trim gegen den boesen Gott: vorstellbare und legitime Loesungen fuer die Action-Serie PR. In der Realitaet zweifelhafte bis absurde Ansaetze. Aber durch die zu offensichtliche Einbindung unserer Wirklichkeit in die Serie auch Vergleiche, die man dann doch nicht unter den Tisch kehren kann.

Schade ist es auch, dass eines der letzten Langzeitraetsel der Serie wieder mal "nebenbei" geloest wurde. Nicht mal ein eigener Roman war die Entmystifizierung des 6D-Juwels wert, geschweige denn ein Jubelband.

Vor KAABA (oder noch besser vor THOREGON) waere die Idee einer toten SI, und noch dazu in der unsrigen Sonne wohl noch ueberraschend, erschreckend,und vielversprechend gewesen. Mittlerweile bin zumindest ich sogar ein wenig enttaeuscht von dieser Aufloesung. Eine tote SI mehr oder weniger, was soll's? Und wenn ich an die Schohaaken denke, die vermutlich Materialisationen dieser SI sind, ist sie womoeglich gar nicht sooo tot. Was auch kein umwerfend neuer Ansatz ist.

(Jaja, nach 2200 Heften wird's kaum noch eine wirklich neue Idee, einen noch nie vorgekommenen Ansatz geben, aber die Parallelen mit KAABA, mit den RZI/Helioten/THOREGON sind schlichtweg zu frisch und unvergessen.)

(Noch darf man ja hoffen, dass es doch noch ein wenig anders kommt, als uns jetzt vorgegaukelt wird.)

Negatives:

Wenn ich die Vorgaben nicht dem Autor anlasten will, gibt's fast erschreckend wenig "Negatives" zum Roman zu sagen. ;-)

Das technische "Herumbabbeln" duerfte nicht unbedingt Michael Nagulas Staerke und Interesse sein. Da schaltet er wohl lieber gleich in den Autopiloten. (Was ich gut nachvollziehen kann.) Als vorgewarnter PR Leser haette ich mir in den Passagen noch viel mehr Fremd- und Kunstwoerter und pseudo-realistisches Kauderwelsch erwartet. Und so nebenbei wuerde ich ganz gerne wissen, was so schwierig daran gewesen sein soll, die Richtung des angemessenen Zapfstrahls zu "errechnen". Da nichts anderes gesagt wurde, gehe ich davon aus, dass es sich dabei um eine Gerade handelt. Von der zwei Punkte bekannt waren. Wozu wird da NATHAN eingespannt und gibt es lange Wartezeiten? Da haette man mit ein bisschen Handwedelei auch von einem "herumtanzenden" Zapfstrahl sprechen koennen, von grossen Schwerkraftfeldern auf seinem Weg, die eine Ablenkung verursachen, oder was weiss ich...?

Die Maer von der "hilflosen" Positronik moechte ich ebenfalls nicht mehr hoeren. Oder ergaenzend eine klipp und klare Aussage, dass der Hyperimpedanz-Zauberspruch auch Positroniken degradiert. Und den Gummiabrieb von Reifen erhoeht, den Geschmack von Kaviar beeinflusst und die Fussballergebnisse in der Weltenliga.

Schoen (und richtig) waere es gewesen, wenn kurz erwaehnt worden waere, dass die Selbstmoerderin Bre die Automatenkontrolle des Gleiters, mit dem sie ihre Kamikaze-Aktion ausfuehren will, ausgeschaltet hat und auch das Fail-Safe-System mit irgendeinem Regierungsbefehl uebergangen hat. Handelsuebliche Gleiter sollten auch 1300 NGZ ein recht einfaches Kollisionsverhinderungssystem haben, das, weil eben deppensicher und ausfallsresistent, nicht von einer eventuell durch KorraVir betroffenen Syntronik abhaengt. Ein, zwei Zeilen und mehrere Seiten Text erschienen sofort ein wenig plausibler.

Warum hat Bre Adams selbst aufgelauert, wollte sich unbedingt opfern, wenn sie doch nur einen simplen Sprengsatz in dessen Quartier haette anbringen koennen? Der Haussyntron, der das erkannt und verhindert haette, kann's ja nicht gewesen sein?

Warum wird nicht mal erwaehnt, dass sich TLD-Agenten unter die G-O Juenger mischen wollen? Die Infiltrationsversuche koennen natuerlich scheitern, aber auch hier wuerde der eine oder andere kurze Satz helfen, in den Eliteagenten Terras mehr als nur Schwachkoepfe zu sehen.

Bre benuetzt einen Gleiter und ihre Beschatter bleiben ueberrascht zurueck. Ist ja auch wirklich ganz unerhoert und unsportlich von ihr.

Es ist halt leider so, dass immer, wenn bei PR Agentengeschichten anstehen, die dabei beschriebene Technologie und die Moeglichkeiten der Guten wie der Boesen anscheinend dem Stand der 50er Jahre entsprechen. Und da ist der Degrader sicher keine hinreichende Ausrede.

Auch nicht, dass weder SF-Leser noch SF-Autoren im Thriller/ Spionage/Agenten-Genre wirklich zu Hause sind. Nachdem der Agentenroman trotzdem regelmaessig auf der PR-Speisekarte steht, waeren ein klein wenig Hintergrundrecherche, Festlegung einer plausiblen Ausruestung und Moeglichkeiten, etc schon im Interesse der Handlung und der Leser.

Fazit:

Ein uneingeschraenkter Daumen hoch fuer die Anteile des Romans, die ich eher dem Autor zuordne. Nicht perfekt und durchaus noch verbesserungsfaehig, aber ich hab' ihn trotz allen grundsaetzlichen Vorbehalten fast gerne gelesen und nur ein paarmal ein wenig unglaeubig den Kopf geschuettelt.

Fuer mich ohne Frage der gelungenste Roman des Viererblocks und (erst) der dritte Roman in diesem Zyklus, den man alleine zum Verstehen des Plots, wegen der tatsaechlich "neuen" Erkenntnisse, lesen sollte. (Die anderen beiden waren "Die neuen Sonnen" - ebenfalls Nagula, aber nicht weil er besonders gelungen war! - und "Ro_h_rkhete" von Frank Borsch.)

==

Und naechste Woche gibt's einen gar angenehmen (das sei schon mal vorweggenommen) Roman von Leo Lukas durch den Kakao zu ziehen, der es noch besser schafft, einen nicht vorhandenen Plot und ein m.E. arg duennes Expose zu adeln.

Rudolf

 

Metadaten

Dieses Visier wurde verfasst von Rudolf Thiess

Die aktuelle Version wurde am 01. Oktober 2006 in die Datenbank eingepflegt

Dieses Visier wurde 4425 mal aufgerufen.

 

hosted by All-inkl.com