Im Visier 2215

Zugrunde liegender Roman: Horst Hoffmann - Der Schohaake

Plot | Teil 2 | Rezension

Vorbemerkungen und Plot

Vorbemerkung:

Der Mann, der uns vitaminreiche Obstschüsseln servierte, mit feuchtfröhlichen Saufgelagen auf der Hundertsonnenwelt PRs kompetenteste Psychologin zur Witzfigur machte, der an vorderster Front dazu beitrug, Elefanten außeneinsatz-tauglich zu machen, und der neben dem Monster und dem Psychopathen auch den Symbionten der Woche Einzug in die Alpträume mancher Leser halten ließ, kehrt nach ungewöhnlich langer Pause zurück an seinen bevorzugten Tatort.

Da wird bei mir nach mehrjähriger Erfahrung schon mal die Erwartungshaltung heruntergefahren, zur Einstimmung Guckys Charakterstudio aus 2200 noch mal gelesen und frisches Obst bereitgestellt. Mentale Dämpfungsfilter werden aktiviert; vom Titelbild des vorliegenden Heftes werden all die Vorurteile noch verstärkt, und dann...

Plot:

Ein Mann, sein Hund und eine Flasche - unterwegs im Auftrag von Mercedes Benz, um in der kalten Wildnis des nördlichen Europas die dringend notwendige Population an Elchen wieder aufzustocken. Deren Verschleiß für diverse Gleiter-Elchtests vermutlich Arten bedrohend ist. Vor allem nach Ausfall aller Syntrons.

"Ich bin Alexander Skargue, Einsiedler, Technikphobiker, Eigenbrötler, Biologe, aller Menschen überdrüssig und ich habe _kein_ Alkoholproblem: ich verdiene genug, um meine entsprechenden Vorratslager immer schön gefüllt zu haben."

"Ich bin Sam. Ein alter Huskie. Ich hinterlasse gelbe Markierungen im weißen Schnee und belle, wenn mir danach ist. Mein Vorbild ist Idefix und Alexander nimmt mich überall hin mit. Ich bin, einfach gesagt, sein bester Freund."

"Ich bin die Flasche. Ohne mich wäre diese Geschichte so nicht zu erzählen. _Mich_ nimmt Alexander überall hin mit. Und obwohl ich die eigentliche Hauptrolle des Dramas habe, hat mir dieser Frick den Platz im Kasten der Hauptpersonen verweigert. Die Welt ist ungerecht. Ach ja, der Hund hat natürlich gelogen. _Ich_ bin Alexanders bester Freund."

"Ich bin Orren Snaussenid. Vermutlich. Ich bin ein Schohaake. Mehr fällt mir zu mir nicht ein. Ich stehe nackt im Schnee, weiss nicht woher ich komme und was ich hier tue, aber das Problem wird sich bald erledigt haben. Ich friere mir einen ab und schäme mich für mein verwaschenes Bild auf dem Titelbild."

"Ich bin's wieder, Alexander. Ich habe diesen kleinen Alien- Burschen gefunden und nach Hause mitgenommen. Es geht ihm nicht besonders, mein Essen schmeckt ihm nicht, und an meine Alkoholvorräte lasse ich erst gar nicht ran. Das Funkgerät und mein Gleiter ohne Türen wollen nicht mehr so recht. Ich werde den Fremden wohl in die nächste Siedlung tragen müssen."

"Ich bin ein Dummie-Bewohner aus der Siedlung. Ich tauche nur kurz auf und habe keine weitere Rolle. Keine Ahnung, warum der HoHo mir den Ar... abfrieren lässt. Dass die Siedlung leer ist, hätte der Alexander auch ohne mein Gestammel gesehen."

"Ich bin ein Wilderer. Keine Ahnung, wie ich in die Wildnis komme und warum ich Bären schießen will, wenn die Welt gerade ganz andere Probleme hat. Alexander, der sich gerade einen fetten Bären schießen wollte, war jedenfalls ziemlich sauer, weil mein Kumpel und ich das gleiche tun wollten. Hat seinen Hund und den Bären auf uns gehetzt, uns beschossen, meinen Kumpel erschossen, und wollte mich schwer verletzt einfach zurücklassen. Aber angesichts der 100000 Leser ist es wohl selbst dem Saufkopf aufgegangen, dass er dringend ein paar Sympathiepunkte braucht, und so hat er mich mitgenommen."

"Und wieder ich, Alexander. Der Weg zur nächsten, etwas größeren Siedlung ist weit. Ich fürchte, meine Flasche wird mich im Stich lassen. Ich habe jetzt ein Alkoholproblem."

"Hallo, hier ist die Flasche. Hat sich der verdammte Wilderer doch glatt an mir vergriffen. Das ist Flaschenraub. Nur damit er seinen wundbrandentzündeten Arm mit einem Messer amputieren konnte. Alexander scheint einen tiefen und festen Schlaf zu haben. Der Wilderer ist übrigens trotzdem gestorben. Da hat der Alex aber Glück gehabt. Stellt euch mal vor, der Kerl kommt lebend am Ziel an und erzählt, was vorgefallen ist. Da hilft nicht mal der beste Syntron-Verteidiger, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen."

"Ich bin Mondra Diamond. Eigentlich die abgelegte Ex-Freundin von Perry, aber weil der Expokrat die Neuleser verwirren will, und seltsamerweise nicht vergessen hat, dass ich die Erinnerungen zweiter kosmischer Erzschurken in mir trage, erlebe ich meinen zweiten Frühling und darf den ganzen TLD ersetzen. Ich habe von einem Einsiedler erfahren, der im Wald einen Alien gefunden haben will. Und den, oder besser gesagt, die beiden, sehe ich mir jetzt mal etwas genauer an."

"Noch mal Alexander, bzw. das was von ihm übrig geblieben ist. Die haben mir meine Innereien ausgetauscht. Meine schöne Leber, um die tut es mir wirklich leid. Und jetzt will mich diese Tussi mit nach Terrania nehmen, wo Orren Snaussend untersucht werden soll. Hoffentlich gibt's für den Fall der Fälle ein paar Tüten in Griffweite. "

"Wir sind die namenslosen Bewohner von Terrania. Mit Vorliebe reparieren wir Busse. In einer Bar haben wir den Flaschen- Fetischisten Skargue aufgelesen. Eigentlich gar kein so übler Kerl, den für einen Technikfeind, der eher zu Gon-Orbhon passen würde, hilft er uns mit Begeisterung, die alte Technik wieder aufzubauen. Wir sind eine liebe große Familie, und wer arbeitet, hat auch keinen Grund zur Flasche zu greifen."

"Wuff."

Mondra, zum zweiten Mal. Keine Ahnung, warum ich Alexander nach Terrania mitgenommen habe. Es sind noch ein paar dieser kleinwüchsigen Schohaaken aufgetaucht. Und dann mehr und mehr. Über 3000 von ihnen. Viele waren leider tot. Nicht jeder hatte das Glück, von einem alten Säufer gefunden zu werden. Dummerweise sind sie nicht sehr gesprächig, singen nur "Unser Name ist Hase, wir wissen von nichts." Aber als wir ihnen Bilder der Algorrianer zeigten, haben sie reagiert. Womöglich haben sie auch nur einen phantastischen Geruchssinn?"

"Hallo, hier ist der gute Onkel Tiff. Wollt' nur sagen, dass ich zurück bin und alles gut wird."

"Alexander, zum letzten Mal. Ich gehe zurück in mein norwegisches Versteck. Habe hier zwar Freunde und eine Aufgabe gefunden, trinke auch nicht mehr, aber ich muss auch an meinen treuen Sam denken. Der richtige Bäume zum Gassi-Gehen braucht. Vielleicht besuchen meine neuen Freunde mich mal. Ach, es ist doch eine Lust in verschneiten Niemandsland zu leben und die gelben Flecken im Schnee zu zählen."

"wuff."

"Mist, verdammt, schon wieder kein Happy-End. Diese Autoren sind doch unbarmherzig und brutal. Haben mich einfach kalt- gestellt. Ausgetrunken bei der letzten Autorenkonferenz und im tiefen Schnee hinter Alexanders Hütte entsorgt. Nicht mit mir, meine Herren. Ich komme wieder, und meine Rache wird fürchterlich sein. Zuerst Alexanders neue Leber, dann Tiff, der bald einen Schluck bitter nötig haben wird, dann die HM und zuletzt die frustrierten Leser in der NG. Wartet nur ab:

Heft 2222 - "Bottle Beyond the Stars"

Die Rache einer Betrogenen - ein 6-D Juwel im Rausch der Sinne"

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Tei 2

 

Plot | Teil 2 | Rezension

Rezension

Positives:

Natürlich werfen auch Zwerge große Schatten, wenn die Sonne der Kultur niedrig steht. Der Zitatenraub sei mir erlaubt, aber trotz vieler negativer Kommentare wirft der neue HoHo schon einen Schatten, und das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Die Wanderung durch eine winterliche Wildnis ist durchaus stimmungsvoll, und Alexander Skargue ist eine Figur mit Ecken und Kanten. Es fehlt ihm zwar jedwede Geschichte und Vergangenheit, aber mit der Momentaufnahme "Skargue" kann man als Leser sehr wohl sympathisieren oder mitfühlen. Trotz unschöner und im Kontext unpassender Szenen wie dem Kampf mit den Wilderern muss man den Eigenbrötler mögen.

Sätze, die über mehrere Heftspalten gehen, sind bei HoHo zuletzt Mangelware gewesen. Was seinen Geschichten nicht immer gut getan hat. Diesmal hatte ich den (persönlichen) Eindruck, dass er sich streckenweise mehr Mühe gemacht hat und der Geschichte doch einen Feinschliff verpasst hat. Es gibt sogar einen Abschluss für die Skargue-Geschichte, einen lyrischen letzten Absatz und eine wohltuende Distanziertheit zu dem Gon-Orbhon Subplot der Handlungsebene Terra.

Neutrales:

Trotz Mondra kein Norman. Keine USO-Geheimagenten. Kein Symbiont der Woche. Diese Rolle geht diesmal an die Flasche, d.h. an die Alkoholsucht unseres Handlungsträgers. Und unerwarteter weise darf er sogar am Leben bleiben.

Ein Grossteil des Romans spielt in einer lebensfeindlichen Wildnis. Auch ohne Degrader wird da technik kleingeschrieben. Nachdem das die Handlungsebene um PR und Atlan umschreibt, die beiden Mega-Helden sich barfuss und in Lendenschurze gekleidet (naja, fast) durch Eiswüsten, Bergwerke und Wälder des Sternenozeans schlagen und mit Pfeil und Bogen ihr Abendessen schießen, war eine sehr ähnlich gelagerte Episode in der (Ex-)Hightech-Zone Milchstrasse vielleicht nicht wirklich gut überlegt.

Viel von der Kritik an 2115 wäre in einem anderen Umfeld wohl vermieden worden.

Mondra entwickelt sich in ihrer zweiten Karriere (oder sollte ich sagen, bei ihrer Zweitauswertung) zur Protagonistin. Lassen wir vorsichtigen Optimismus anklingen, denn fast unerwartet nervt die Gute diesmal nicht. Der eklatante Frauenmangel in der Serie würde die Profilierung einiger weiblicher Figuren ohnehin sehr empfehlenswert machen. Nach Ascaris Verabschiedung in Richtung Opernfurie scheint der Ball nur an Mondra und Bre gegangen zu sein.

Seltsame Dinge geschehen auf Terra. Tausende Fremde tauchen aus dem Nichts auf. Hoffen wir mal, dass da noch eine glaubhafte Erklärung nachgeschoben wird. Wo immer die Fremden auch her- kommen mögen, im kosmischen Maßstab müssen sie ganz schön genau gezielt haben. (Und wie in der NG schon angeklungen: Hoffentlich bleiben uns ein paar Billiarden Schohaaken Leichen zwischen den Planeten des Solsystems erspart.)

Negatives:

Alexander Skargue ist ein Eigenbrötler, menschenscheu und ein Säufer. Wir haben keine Ahnung, warum er das ist. Warum er tickt wie er tickt. Am Ende des Romans ist er "trocken". Es sind aber leider nur Momentaufnahmen einer Romanfigur. Da denke ich doch gerne an Leo Lukas "Maulwurf" zurück, bei dem (der) der Autor letztendlich die Karten offen legte und uns verriet, wie und warum der Menschenhasser und tief verletzte Maulwurf so geworden war. Damit bekam die Figur ein Innenleben und eine Existenz außerhalb der unmittelbaren Handlung. Das ist HoHo diesmal nicht gelungen, er hat es vermutlich auch gar nicht versucht.

Unnötige Statisten tauchen über die Handlung verteilt auf. Da ist der Irre, der alleine in der verlassenen Siedlung übrig geblieben ist. Der von Skargue dann auch vergessen wird und womöglich elendig zugrunde gehen wird.

Da sind zwei Wilderer, die allem Anschein nach aus einem _anderen_ Roman hierher versetzt worden sind. Womöglich eine Bringschuld an Redaktion und Marketing? Ein Roman ohne Schiesserei? Undenkbar, zumindest einmal müssen die Fetzen fliegen. Die Leser wollen das!

Nun, hier ist ein Leser, der das nicht zwangsweise will. Die beiden trampeln kurz durch die Seiten, zerstören (vermutlich unbeabsichtigt) fast die Sympathiewerte für den armen Skargue und werden schnell wieder aus der Handlung gestrichen.

Für einen Sympathieträger ist es nicht unbedingt von Vorteil, wenn er auf zwei _Menschen_ schießen will, die ihrerseits auf ein _Tier_ schießen wollen. Ein Tier, das er selber bereits als potenziellen Fleischlieferant vorgesehen hat. Eine Leiche wird zurückgelassen, ein Schwerverletzter zusätzlich gequält mit der Drohung, ihn neben der Leiche des Freundes sterben zu lassen.

Wenn besagter Wilderer später zum Messer greift und den eigenen Arm amputiert, haben wir den Spielraum des Melodrams längst überschritten, Rambo als Weichei deklassiert und gezeigt, war für harte Burschen diese Terraner sind.

Der Säufer Skargue ist später dann klug genug, über diese unrühmliche Episode zu schweigen. Wollen wir hoffen, dass er an den Leichen keine Spuren hinterlassen hat. Das zu erklären. könnte später einmal peinlich werden.

Und ein wenig Nitpickerei:

Eine kleine Lästerei kann ich mir nicht verkneifen, ist sie doch ein weiteres Indiz, dass PR-Autoren unbedingt der Gebrauch von Taschenrechnern (plus ein wenig Unterricht in deren Handhabung) anzuraten ist.

Wir erfahren auf Seite 56, dass insgesamt 3504 Schohaaken im Sonnensystem gefunden worden waren. Mehr als ein Drittel davon, 968 - "um genau zu sein!“ - seien tot.

Darf ich daraus schließen, dass die Hyperimpedanz auch Auswirkungen auf Subtraktion und Division von Ganzen Zahlen hat, bzw. auf das Bruchrechnen?

Oder dass HoHo sich für den vielleicht vakant werdenden Posten des Finanzministers interessiert?

Fazit:

...und dann, die meisten Vorurteile, soweit möglich, beiseite geschoben:

Kein großer Wurf, aber trotz gemächlicher Wanderung durch die Handlung kurzweilig und (streckenweise) flott zu lesen. Die schmerzhaften Passagen lassen sich auf wenigen Seiten eingrenzen; insgesamt ein deutliches Lebenszeichen des "alten" HoHos. Ein Durchschnittsroman, der sich ertragen lässt, vielleicht keine neue Leser anlocken wird, aber - für sich betrachtet - den Frust über die zugrunde liegende Entwicklung nicht vergrößert.

Rudolf

 

Metadaten

Dieses Visier wurde verfasst von Rudolf Thiess

Die aktuelle Version wurde am 01. Oktober 2006 in die Datenbank eingepflegt

Dieses Visier wurde 4588 mal aufgerufen.

 

hosted by All-inkl.com