Sprachnörgeleien 2220

Zugrunde liegender Roman: Hubert Haensel - Tote Leben länger

Titelbild 

Insgesamt ganz gut gelungen, besonders der zum Raubtierrachen deformierte Raumhelm. Warum allerdings der Hohnsteiner in diesem Raumhelm steckt, bleibt unklar. ;-)
Die Innenillu passt problemlos in jedes Bilderbuch der Jetztzeit - unter Anderem als Warnung, dass Kinder ihr Spielzeug nicht auf Baustellen vergessen sollten. ;-)

Klasse

S.51: „Das gilt nicht nur für die alten Religionen wie Neo-Ökumene, Spiritualisten und Pananimisten, sondern auch für neue Kulte.“
Endlich mal ein winziger Einblick in mögliche Kategorisierungen der Zukunft. <st>

Sprachunebenheiten

S.4: „Das Feuer war überall, als würde sogar der Stahl rennen.“
Bereits unter ‚Erstauflage 2200’ hinreichend kommentiert. <st>

S.14: „Myles Kantor registrierte eine große Holoprojektionsfläche, die jedoch abgeschaltet war. Es gab eine Reihe medizinischer Systeme, standardisierte Überwachungsanlagen. Sie wirkten weder aufdringlich noch beherrschten sie den Raum.“
In diesem Zitat ist nichts wirklich Falsches zu entdecken. Und doch kann man es als Beispiel für eine Art der Beschreibung verwenden, die letztlich nicht überzeugt :-/ und in ähnlicher Form häufiger im Roman vorkommt:
Was ist denn eigentlich mit der ‚Holoprojektionsfläche’ gemeint? Eine Art Filmleinwand? Und wie sieht die denn aus, wenn sie abgeschaltet ist? Und wozu braucht man die bei fortgeschrittener Technik überhaupt? Kann das Holo nicht gleichzeitig einen neutralen Hintergrund generieren, so dass eine spezielle Fläche unnötig wäre? :-?
Und was sind ‚standardisierte Überwachungsanlagen’? Woran erkennt man die? Vor allem im Gegensatz zu ‚unstandardisierten’? :-?
Und wieso gibt es nur die Alternativen ‚aufdringlich’ und ‚beherrschend’, die dann anschließend verworfen werden? Es sind doch gar keine echten Alternativen, die man mit ‚weder-noch’ ausschließen könnte. :-/


S.47: „Die Prokyon Road lag im Schatten großer Bauten und machte selbst einen eher verschlafenen Eindruck.“
Sie selbst, man staune. Sie ließ nicht etwa ihre Nebenstraßen diesen Eindruck für sich machen sondern wurde selbst aktiv. <g>

Wie bitte?

S.14: „Kasten in Form eines aufgestellten Achteckprismas. Der Wissenschaftler schätzte die Höhe auf knapp zwei Meter. Wegen der extrem abgeschrägten Oberseite lag die vordere Kante noch unter der halben Höhe. Eine ockerfarbene Pyramide ragte aus dieser Schnittfläche empor. Der Kasten selbst schimmerte bläulich kristallin.“
Hilfe! Darunter kann ich mir eigentlich überhaupt nichts mehr vorstellen. Da lobe ich mir die späteren nachvollziehbaren Bezeichnungen wie etwa ‚Sarg’, da braucht man dann über Art und Aussehen von ockerfarbenen Pyramiden, Schnittflächen und Kanten auf niedrigem Niveau nicht mehr nachzugrübeln. <bg>

S.14: „Tentakel, die aus einem schwer zu definierenden Leib herauswuchsen. Dieses Etwas durchmaß bestenfalls mehrere Handspannen.“
Ein Durchmesser von ‚bestenfalls’ lässt auf eine Geringschätzung schließen. Aber was ist das denn für ein Leib, der mehrere Handspannen durchmisst? Setzt man die ‚Handspanne’ mit minimal 15cm an, so durchmisst der Leib mindestens 45cm bis hin zu 75 oder 90cm, die auch von der Bezeichnung ‚mehrere Handspannen’ erfasst werden. Für die Überreste eines menschlichen Körpers ist das doch nun wahrlich nicht wenig. Welcher unversehrte Mensch möchte denn so dick sein? :-?

S.41: „Ein verwirrtes Flackern in den Augen des Technikers. Aber nur für Sekundenbruchteile, denn ihm fielen die Augen zu. Lider und Augenbrauen waren weggesengt.“
Das nun wieder löste ein verwirrtes Flackern in den Augen des Lesers aus, denn wie können ihm da die Augen zufallen so ganz ohne Lider? :-?

S.43/46: „Nur die holografischen Leitsysteme gab es nicht mehr, doch die Umrüstung dieser syntronisch gesteuerten Elemente genoss keine Priorität....Ein mitdenkendes holografisches Leitsystem zeigte ihnen den Weg zum Audimax.“
Es gibt also ‚mitdenkende’ die weiterhin funktionieren und ‚syntronische’ die das nicht tun. Offensichtlich eine neue Unterscheidung. <bg>

S.48: „In der trügerischen Stille der Nacht nieste jemand. Sekunden später erklang ein tadelndes Zungenschnalzen.“
Na klar, wenn hier jemand ungestraft Geräusche machen darf, dann der Direktor und sonst niemand. <sn>

S.51: „Die LFT garantiert die freie Ausübung jeder Religion, solange sie die Verfassung garantiert.“
Respektieren täte es aber eigentlich auch schon, Religion als Garant der Verfassung klingt doch zu sehr nach Iran. <sn>

S.57: „Er nickte knapp, eine Regung, die so überflüssig geworden war wie vieles, optisch sogar wirkte, als kippe der Sarkophag, um den vor ihm Stehenden zu erschlagen.“
Albern – und wenn er in Gedanken einen Schritt macht, beult sich die Hälfte der unteren Hälfte seines Sarges nach vorne aus, bis die Hülle reißt – oder wie? <sn>

S.59: „der schwerfällige, wie von Alterspatina bedeckt wirkende Sarkophag“
In wie vielen Behältern ist der Herr Direktor Sir denn eigentlich unterwegs? :-?

Ganz erstaunlich

S.31: „Die physikalische Störung wird sich wahrscheinlich nie mehr auf den alten Wert einpendeln.“
Es gab also schon immer eine Störung, nur mit einem anderen Wert. Und sie bezog sich auch nicht nur auf die Hyperphysik sondern auf die gesamte Physik. Das sind doch wirklich interessante Neuigkeiten. <bg>

S.35: „Mir ist bekannt, dass die Höflichkeitsanrede zumindest unter den Helfern des terranischen Wiederaufbaus erfreuliche Verbreitung erfährt – es wird also keine Probleme im Umgang mit mir geben.“
Ist es denkbar, dass ein Mensch in der gewünschten Anrede tatsächlich die Quelle aller denkbaren möglichen Probleme im Umgang mit sich selbst sieht? Ist das jetzt eine nachlässige Formulierung oder eine besonders pointierte Darstellung der krausen Gedankengänge des ‚Direktors’? :-?

S.41: „So etwas wie Verwirrung klang aus der ansonsten menschlich modulierten Stimme.“
Woraus zu folgern wäre, dass Verwirrung etwas zutiefst Unmenschliches ist. <g>

S.47: „Anklagend verdrehte sie die Augen.“
Eine typische Übung, die man am besten vor dem Spiegel trainiert. Vielleicht sollte man einen Wettbewerb daraus machen: Welcher Leser kann am überzeugendsten durch Verdrehen der Augen anklagend gucken? :-?

S.59: „Wenn der Vorfall sich wirklich so abgespielt hat, hätte es genügt, beide Wissenschaftler kampfunfähig zu machen“
Korrekt. Spielt dann bei der Bewertung der Ereignisse aber plötzlich keine Rolle mehr. <sn>

Schlusswort

Im wesentlichen habe ich diesen Roman als langweilig empfunden. Und das bis zu einem Grad, der den Spaß an der Fehlersuche erheblich beeinträchtigt hat. :-/
Der Stil erschien bisweilen holprig, die dargestellten Zusammenhänge nicht stimmig:
Ein Mensch, der unter Explosionsfolgen so massiv gelitten hat wie der Direktor, steckt die nächste Explosion inklusive Verschüttetwerden ohne Reaktivierung eines entsprechenden Traumas einfach so weg – ein anderer schwer Verbrannter schaut ihn an und ist getröstet, weil bei ihm ja alles nur halb so schlimm ist – das ist alles extrem unglaubwürdig. <sn>
Arbeiter, die ihren Direktor verehren, weil er mit nichts zufrieden ist und immer mehr Leistung fordert, auf rascheste Aufgabenerledigung besteht bei einer Aufbauarbeit, die sich in Jahrzehnten bemessen wird – wie realistisch. ;-)
Ansonsten sollen die Arbeiter nebenher auch noch studieren, das heißt, nach Belieben ihren Arbeitsplatz verlassen, weil es darauf ja gar nicht ankommt, ob da gerade jemand etwas tut – wahnsinnig logisch. ;-)
Genauso unlogisch auch, dass der verantwortliche Gärtner mit Pflanzen beliefert wird, die er für unpassend hält. Wer außer ihm sollte die denn geordert haben? Und das ist auch die einzige wirklich wichtige offene Frage am Schluss des Romans: Hat er nun die Rosen gepflanzt oder doch noch auf Bodendecker und Stauden umgestellt? :-?

Metadaten

Diese Nörgelei wurde verfasst von Kritikaster

Die aktuelle Version wurde am 21. März 2008in die Datenbank eingepflegt

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